Heimatverein Rheinbreitbach e.V.Burgfräulein Adelgund von Breitbach

Eine geschichtliche Erzählung aus dem 30jährigen Krieg, von Peter D’hein
(Heimatkalender Kreis Neuwied, 1952)

Der 30jährige Krieg tobte in den deutschen Landen. Rauhe Krieger verwüsten und plündern Dörfer und Städte. Das Licht der roten Kriegsfackel ist weit und breit zu sehen. Selbst die kleinsten Weiler erscheinen den wilden Schwedenhorden noch als lohnende Objekte, um ihre Gier nach Erobern und Schätzen zu stillen, wobei sie weder Weib noch Kind noch Greise schonen. Ihnen weit voraus aber läuft die Kunde ihrer schrecklichen und blutigen Taten.

So dringt auch nach Rheinbreitbach die Nachricht, daß die wilden Horden sich ihren Weg nach dort bahnen. Nur noch wenige Minuten sind sie entfernt. Der ihnen schon zum Opfer gefallene Ort Berg, von dem noch heute Mauerreste in der Gemarkung "Brücherheck" zwischen Unkel und Rheinbreitbach zu finden sind, ist ein einziges Flammenmeer. Die Kunde von dem Herannahen der Feinde versetzt die Einwohnerschaft von Rheinbreitbach in Unruhe, Angst und Schrecken. Männer greifen zu ihren bäuerlichen Waffen. Spaten, Sense und Dreschflegel sollen sie und ihre Familien schützen. Frauen versuchen verzweifelt ihre Männer, die ihre Heimat nicht preisgeben wollen, vom Kampf zurückzuhalten. Kinder wimmern nach ihren Vätern. Aber alles hilft nichts. Die schwedischen Soldaten, trunken von dem im benachbarten Unkel geraubten Wein, haben die tiefen Gräben und das Flechtwerk bald überwunden, das dem Ansturm der Schweden wehren sollte, und dringen unter Führung des Rittmeisters Ernst von Linsing, seiner unmenschlichen Brutalität wegen weit und breit bekannt, unaufhaltsam in das kleine Dorf ein. Frauen, Kinder und Greise haben ihre letzte Zuflucht hinter den festen Mauern der Burg Breitbach gesucht, deren Tore die beiden Grafen Gernold und Ralph den Schutz und Hilfe Begehrenden weit öffneten.

Giererfüllt durchstöbern inzwischen die Schweden Speicher und Keller und räumen alles, was sich ihnen in den Weg stellt, beiseite, ein Menschenleben bedeutet ihnen nichts. Selbst das harmlose Kätzchen, das sich unter den Ofen geflüchtet hat, fällt den rauhen, gefühllosen Gesellen zum Opfer. Aber ihre Schatzgelüste finden hier keine Befriedigung. Gold und Silber nennen die armen Bauern nicht ihr eigen. Durch diese Enttäuschung noch zu größerer Wut entbrannt, stürmen sie nun gegen die stolz und trutzig dastehende Wasserburg. An der Spitze der wilden Haufen hochaufgerichtet auf seinem Hengst, reitet der Rittmeister. Sein Tod und Verderben bringendes Schwert hält er hoch gegen den mit dunklen Wolken überzogenen Abendhimmel. Ein Zeichen zum Angriff. Donnern und Zittern erfüllt die Luft.

Mutig und heldenhaft kämpfend treten die beiden jungen Grafen mit ihrer kleinen Schar von Verteidigern auf den Burgmauern den rauhen Kriegssöldnern entgegen. Doch was nutzt all ihr Heldentum und ihre Kraft, mit der sie Frauen und Kinder, ihr einziges Gut, vor den Schweden schützen wollen! Zu drückend ist die Übermacht der kriegsgewohnten Angreifer. Schon nach kurzer Zeit haben die Feinde Graben und Mauer überwunden und das Innere der Burg erreicht.

Schlachtgetümmel im Burghof! Wie ein Blitz dringt die Schreckensnachricht in die dunkle Burgkapelle, in der Frauen und Kinder und die kampfunfähigen Männer um Gottes Schutz und Hilfe flehen. Und schon erreicht auch der Lärm des Kampfes das Ohr der dort ängstlich Kauernden. Vorn am Altar aber kniet Burgfräulein Adelgund., die Schwester der Burgherren. Selbst in ihrer Verzweiflung ist sie noch lieblich anzuschauen. Ihre gütigen blauen Augen, die sonst so freundlich auch auf den Geringsten der Burgleute blickten, sehen angsterfüllt zu dem Bild der Gottesmutter auf, und ihre Lippen formen immer wieder den einen Satz: Helferin in aller Not, bitte für uns.

Doch ihr Gebet findet keine Erhörung. Es dringt die schreckliche Kunde herein, Gernold gefallen, und Ralph, der Lieblingsbruder des Burgfräuleins, verwundet und gefangen. Es gibt kein Entrinnen mehr. Frauen und Kinder, alle sind den schwedischen Horden ausgeliefert!

Aber was ist das? – Plötzlich erhebt sich das Burgfräulein und tritt hinter den Altar, um wenig später mit einem kleinen Kästchen, das ihrer Haltung nach ziemlich schwer zu sein scheint, wieder hervorzukommen. Alles schaut gespannt auf die schöne jugendliche Gestalt. Sie aber bahnt sich stumm einen Weg durch die sich ängstlich aneinander klammernde Menge. Stolz schreitet sie zur kleinen Pforte und schiebt den schweren Riegel zurück. Die vor Entsetzen gelähmte Menge vermag sie nicht daran zu hindern. Des letzten Schutzes beraubt hallt der Schrei der zu Tode geängstigten Frauen von den Wänden der Kapelle zurück.

Ein Bild, das das Blut eines jeden in den Adern erstarren läßt. Das einfache zierliche Burgfräulein mit dem kleinen Kästchen in der Hand steht keine zwei Schritte entfernt vor dem großen mächtigen Rittmeister, dessen Arm das todbringende Schwert gerade zu einem Schlag ausholt. Doch wie erstarrt bleibt das Schwert in der Hand des wüsten Gesellen über dem Haupt der Jungfrau stehen. Seine blutdurstigen Augen starren gespannt auf Burgfräulein Adelgund. Entsetzen ergreift alle. Der Lärm der Schlacht ist mit einem Mal verstummt. Selbst das Donnern eines über das Schlachtfeld ziehenden Gewitters ist verebbt. Doch wie von Geisterhand gerührt ertönt das Glöckchen der nahe gelegenen Dorfkirche. In diesem Augenblick höchster Spannung erhebt Adelgund ihre zarte aber fest entschlossen klingende Stimme: "Nimm hin all meinen Reichtum, das Erbe meiner Väter, nimm hin mein Leben für das Leben derer, die hier in unserer Burgkapelle ihre Zuflucht gesucht haben, für das Leben meines Bruders, der ohne Gnade deiner Gewalt ausgeliefert ist!"

Und ihr Gesichtsausdruck zeigt, daß ihre Worte dem innigen Wunsch ihres Herzens entsprungen sind.

Überwältigt steht der Rittmeister. Eine solche Liebe, solcher Edelmut war dem nur Gier und Haß, Tod und Verderben Kennenden bisher unbekannt geblieben.

Er, der gewohnt war zu nehmen, was sich ihm bot, mit Gewalt an sich zu reißen, dessen er habhaft werden konnte, der noch nie ein Menschenleben geschont hatte, steckt sein Schwert in die Scheide und wendet sich ab. Selbst das Kästchen mit dem verlockend glitzernden Gold läßt er unberührt und gebietet seinen Truppen Abzug.

Die selbstlose Liebe des Burgfräuleins Adelgund hat Burg und Bewohner Rheinbreitbachs gerettet. – Heute noch zeigt man den Fremden die zum Teil erhalten gebliebene Wasserburg mit der Pforte zur Burgkapelle.


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