Dem Volksmund nacherzählt von Richard Daub
(Heimatkalender Kreis Neuwied, 1957)
In der Gemarkung des Dorfes Bruchhausen, da, wo die steilen Abhänge zum Kasbachtal einen prächtigen Ausblick bieten, heißt eine Flur heute noch die "Alte Burg". Von einer Burg ist weit und breit nichts zu sehen, nur noch einzelne Mauerreste wuchtiger Fundamente zeugen, daß hier in alten Zeiten wirklich eine Burg gestanden. Von den Burgbewohnern steht in den alten Chroniken nichts verzeichnet. Ein Fenster dieser "Alten Burg" soll einst in der
Wallfahrtskirche zu Bruchhausen Verwendung gefunden haben, ist aber heute nicht mehr vorhanden.
Da, wo die Historie versagt, soll die heimatliebende Sage wieder Leben erwecken, wo es schon vor Generationen erstarb.
Der Hausherr der "Alten Burg" war jener urdeutsche Schlag, den wir immer lieben und verehren. Von hochgewachsener kräftiger Gestalt, war er der Sproß eines alten, geachteten Geschlechtes, aus dem schon mancher hochverdiente Mann als Heldengestalt oder als König des Geistes hervorgegangen. Auch die Herrin des Hauses war vornehmer Abstammung und dem ritterlichen Gemahl in treuer Liebe zugetan und von ihm in trautem Heim geachtet und verehrt. Der Eltern Sonnenschein war Waltraud, der Grafenfamilie einziges Töchterlein. Wie strahlten die Augen des alten Grafen beim Anblick des blonden Lockenköpfchens, angeschmiegt an die liebe Mutter. Und wenn sie sang und lachte, klang es wie Silberglockenklang; dann schaute er auf, froh im Herzen und Gott dankbar für dieses Glücksgeschenk. Aber oft wurde sein Blick trübe und ernst, wen er an den anderen dachte, den ungeratenen Sohn, von dem er sich innerlich schon lange geschieden. Nicht selten entsprießt einem edlen Baume eine mißratene Frucht! Wer trägt die Schuld, wo liegt die Ursache solcher Entartung? Alles, alles hatte der edle Graf schon versucht, in seinem Sohn einen würdigen Nachfolger zu formen. Aber seine Mühen waren umsonst, der junge Graf ging schlechte Wege, entwuchs der Hand der Eltern und verkam in schlechter Gesellschaft und entglitt im Sumpf der Gemeinheit und der bösen Leidenschaften. Seinem unsteten und hartherzigen Auge entzog sich jedermann; denn aus ihm glomm Haß und Niedertracht gegen alles, was ordentlich war.
Sorgenvoll schauten Vater, Mutter und Schwester in die Zukunft. Die der Burg hörigen Bauern liebten und verehrten ihren Herrn; in Freud und Leid war er ihnen ein väterlicher Freund, Berater und Helfer. Was sollte werden, wenn der alte Graf für immer die Augen schloß? Schon jetzt fürchteten sie den jungen, jähzornigen und verdorbenen Jungherrn; man floh vor ihm in die Häuser; Kinder, Frauen und Töchter verbargen sich, wenn er mit seinen wüsten Gesellen durch die Gegend brauste und sein Unwesen trieb.
Es kam, was man lange befürchtet, der alte Graf starb, betrauert von den hoffnungslos Zurückgebliebenen. Waltrauds Lieder waren verstummt für immer, und ihre und der Mutter Augen blickten ratlos. Und bald sollten neben den beiden auch die Burgbauern merken, daß ein neuer, gewalttätiger und hartherziger Jungherr die Rechte des Burgherrn übernommen. Hinter verschlossenen Bauernlippen grollte manch grimmiger Fluch hinter dem grausamen Wüstling her. Mutter und Schwester sahen keinen Ausweg mehr und wanderten eines Tages hinauf nach dem Nonnenkloster "St. Katharinen" und setzten nie mehr den Fuß auf heimatlichen Boden.
Grausam und hart gegen die Menschen, so war er es erst recht gegen die Geschöpfe in Gottes freier Natur. Bei seinen Jagdzügen übertrafen sich seine liederlichen Genossen mit ihm in Wildheit und Mordsucht an der Kreatur da draußen in Wald und Feld. Das Wild bisher vom alten Schloßherrn gepflegt und geschont wurde wahllos gemordet und verfolgt. Aber diese wilde Jagd fand einmal ein schroffes Ende!
Graf Bruno, den man den "wilden Jäger" nannte, verfolgte eines Tages diesmal war er alleine eine Hirschkuh mit ihrem nur einige Tage alten Kitz. Jeder Jäger schont in dieser Zeit die Wildmutter mit ihrem Kinde nicht so der wilde Jäger Bruno. Bis weit über den "Birkig" hetzte er die beiden.
Endlich hatte er sie in die Enge getrieben, wo es keinen Ausweg mehr für sie gab. Abgehetzt und müde zum Sterben konnte das Neugeborene nicht mehr weiter, und ängstlich trippelte die um ihr Kind besorgte Hirschkuh um ihr Junges, um es vor dem Tode zu retten. Der unbarmherzige Jäger legte schon die Büchse an auf die Mutter, sich weidend an der Todesangst der Todgeweihten. Schon zielte er. Da! - Was war das! Vor das Ziel schiebt sich ein anderes schützend und verbergend: Ein großes Auge blickt den Schützen durchdringend an. Der wilde Jäger setzt ab und schaut zitternd in das strafend blickende "Auge Gottes"
Wie im Fieber rieselt es ihm durch den Leib. Er flieht und rennt keuchend von dannen und kommt fast wahnsinnig vor Angst schweißnass in seiner Burg an, wo ihn seine Kumpane mit lautem Hallo empfangen wollen. Er aber winkt ab und weist sie alle aus seiner Nähe und aus seiner Burg. Er will alleine sein! Der alte Kastellan, ein eisgrauer Alter, der seines alten Herrn wegen in der Burg geblieben, erschrickt, als er ihn sieht! Ihm, dem Wilden, zu dienen, hat er längst entsagt, auch er läßt ihn allein.
Lange steht die "Alte Burg" einsam und verlassen, wie ausgestorben. Nach Wochen erst findet der alte Diener den "wilden Jäger" Bruno am Dachbalken erhängt. O grauenvoller Anblick! Der entsetzte Alte flieht, so schnell ihn seine alten Beine tragen!
Ein neues Ereignis schreckt die Umwohner auf. Die Burg steht in Flammen! Ob der alte Kastellan, das Geschlecht auslöschend, den Brand geschleudert, niemand weiß es. Man sieht sie brennen, man läßt sie brennen. Was übrig geblieben vom verbrannten Gemäuer, es ist verfallen und vergessen.
Aufatmend aus hartem Sklavenjoch erwarten die Burgbauern einen neuen Herrn. Jedoch wartet ihrer eine große Freude und Überraschung, als letztes Geschenk der früheren Burgherrin und ihrer Tochter Waltraud, die sich beide dem Dienste Gottes und der Gottesmutter geweiht: Aus dem Kloster der Nonnen "St. Katharinen" traf die Urkunde ein, die alle der Burg hörigen Bauern die Freiheit gab. Sogar das Land wurde ihr Eigen bis auf den Teil, der dem Kloster zufiel und noch heute den Namen "Nonnenfeld" führt.
An der einsamen Stelle, wo Gott eingegriffen, erbauten die nun freien Bauern ein Kapellchen. Vom Giebel schaut den Besucher ein großes Auge an, streng, aber auch väterlich milde, und darunter steht der deutende Spruch: "Das Auge Gottes sieht alles!" In der Nische sieht man das Bild des kreuztragenden Heilands. Ruhebänke laden ein zu sinnendem Verweilen. Kinderhände pflücken in den Blütenmonaten Sträuße schöner Wiesen- und Waldblumen, damit das einsame Gotteshäuslein zu schmücken.
Soweit die Sage.
Alfred Heß, passionierter Heimatkundler, ist der tatsächlichen Geschichte des Bildstockes, heute eines der bekanntesten Wanderziele im Naturpark Siebengebirge /Rhein-Westerwald, Anfang der 80er Jahre nachgegangen:
Johann Wilhelm Menden, 1820 in Rheinbreitbach geboren, ließ das "Auge Gottes" in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts erbauen. Ihm gehörte das Gasthaus und Hotel "Zur Post". Hier übernachteten die Postfuhrleute, denn Menden war nicht nur Gastwirt sondern auch Postagent. Die Pferde wurden während der Nacht in Stallungen neben dem Gasthof untergebracht.
Doch das genügte dem Gastwirt nicht. Er entdeckte eine "Marktlücke" dort, wo heute das "Auge Gottes" steht. An der dortigen Wegekreuzung führte zu seiner Zeit einer der wenigen Zufahrtswege vom Westerwald zum Rhein vorbei. Deshalb wollte er dort ein weiteres Gasthaus bauen. Die befragte Gemeindeforst-Naturbehörde lehnte jedoch ab. Der Nachbarort Bad Honnef baute nun seinerseits den Weg im Schmelztal als Zufahrtsstraße in den Westerwald aus.
Natürlich war Menden ärgerlich über diese Entscheidung. Und weil aus seinem hier gelegenen Wald Holz und von seiner Wiese häufig Gras gestohlen wurde, ließ er den Bildstock bauen. Im Giebeldreieck ist bildlich das Auge Gottes dargestellt. Der Erbauer dachte sich: "Wenn ich es auch nicht sehe, wenn mir etwas geklaut wird, Gottes Auge sieht alles!"
Die Gemarkung um das "Auge Gottes" wurde im Jahre 1920 an die Weißeley-Grube in Düsseldorf verpachtet, weil hier Quarzit gefördert wurde. Nach drei Jahren wurde die Förderung eingestellt, das Quarzitvorkommen war nicht ergiebig. Schließlich entdeckten die Nazis dieses Gebiet. 1944 baute die Luftwaffe die berühmt-berüchtigte Abschußrampe für die V1, was man heute noch erkennen kann. Doch Gottes Auge sah das wohl mit Mißfallen. Die "Wunderwaffe" richtete keinerlei Wunder an.
Mehrfach wurde der Bildstock restauriert, 1921 und dann 1965. Neben den Geschwistern Elisabeth und Franz Neunkirchen haben sich mehrere Rheinbreitbacher Bürger und der Karnevalsverein um die Erhaltung und Pflege verdient gemacht. 1979 wurde das Christusbild des Bildstockes mutwillig beschädigt. Es ist das Verdienst von Alfred Heß, der die Initiative zur Wiederherstellung ergriff, daß bereits zwei Jahre später das beliebte Wanderziel wieder in würdiger Gestaltung den Wanderer des Rheinhöhenweges zum Verweilen einladen kann.
1987 erwarb die Familie Munkenbäck Frau Munkenbäck ist eine Urenkelin von Johann Wilhelm Menden die Parzellen rund um das Auge Gottes von der Erbengemeinschaft Menden. Seitdem hat ihr Mann Willi Munkenbäck die aus der Familientradition geborene Verantwortung für das "Auge Gottes", eines der Rheinbreitbacher Wahrzeichen, übernommen.