Originaltitel. "The Mine-Monk"
Von Joseph Snowe (in: The Rhine, 14. Kap., 1839)
Übersetzt von Josef Karrenbauer
Vorbemerkung
Der Verfasser Joseph Snowe, der 1839 in "The Rhine" Rheinsagen zwischen
Köln und Mainz in englischer Sprache herausbrachte, hatte sicher Ortskenntnis in
Rheinbreitbach; die Kupferminen wurden damals von einer englischen Gesellschaft betrieben.
Und so schildert er die Sage im Breitbacher Milieu, jedoch in seiner pietistischen
Anschauung. Die Sage als solche ist in ganz Europa zu Hause, überall, wo Kupfer abgebaut
wurde. Der Übersetzer Josef Karrenbauer hat 1979 in einem Vortrag deutlich gemacht, daß
die Grundlage der Sage von Persien vor 3000 Jahren über Cypern (= Kupfer) nach Europa
gekommen ist. So ist eine europäische Sage dank des Engländers Snowe Rheinbreitbacher
Sagengut geworden.
Auf dem gegenüberliegenden Ufer des Rheines, dort, wo der edle Fluß sich in ein weites Tal ausbreitet und eher einem See, als einem schnell fließenden Strom ähnelt, liegt das Städtchen Rheinbreitbach inmitten einer grünen Ebene, umgeben von Wingerten und Weingärten und fruchtbaren Feldern , am Fuße der schützenden Hügelkette des Siebengebirges. Nicht weit vom Städtchen, zwischen den zerklüfteten Hügeln, liegen zwei größere Kupfergruben, vom Fluß aus gesehen im Hintergrund, eine davon wird Virneberg genannt, die andere Marienberg. Sie sind sehr alt und waren früher einmal sehr ertragreich, Aber schon seit Jahrhunderten ist der Ertrag sehr gering gewesen, und so liegen sie jetzt verlassen und verfallen. Die erste Grube, die entweder Virneberg oder auch Schacht St. Joseph genannt wird, ist die älteste Kupfermine am Rhein, so alt, daß niemand weiß, wann die ersten Grabungen begonnen haben. Einige vermuten, sie sei schon zu Zeiten der Römer betrieben worden und glauben sogar, die Gründung gehe auf dieses mächtige und unternehmungsfreudige Volk zurück, kurz nachdem sie Herren des Landes geworden seien, Jetzt stehen die Gruben unter Wasser, die eine wie die andere erschöpft, vernachlässigt und beide so gut wie nutzlos.
Die folgende Sage erzählt von einer körperlosen Gestalt, die in der Geisterwelt des deutschen Volkes zu den unterirdischen Wesen gerechnet wird und Macht besitzt über alle, die im Inneren der Erde arbeiten.
Einer der wenigen allgemein bekannten Geister, die nach der Einbildungskraft des deutschen Volkes die Erde, das Meer und die Himmel bewohnen Gruben, Wälder, Berge, Täler und Flüsse ist der Grubengeist, der bei den Bergarbeitern und ihren Familien eher unter dem Namen "Meister Hämmerling" bekannt, aber gewöhnlich auch bei seinem gruselerregenden Namen "Grubenmönch" erwähnt wird. Über diesen unterirdischen Geist werden mehr als hundert Geschichten erzählt. In einigen davon wird er als ganz und gar böse dargestellt, in anderen Geschichten besitzt er auch bewundernswerte Eigenschaften; in einer dritten Gruppe von Sagen scheint er eine vollkommen gleichgültige Haltung einzunehmen, und schließlich beschreibt ihn eine vierte Gruppe von Erzählungen fast wie ein menschliches Wesen, eine erträgliche Mischung von Gut und Böse, unschädlich und harmlos, außer man kommt ihm in die Quere oder er ist schlecht gelaunt; hin und wieder ist er sogar wohltätig, unerwartet freundlich, aber dennoch nie durch und durch verläßlich. Die Gestalt, unter der er dem Volksglauben gemäß üblicherweise auftritt, ist die eines riesigen Mönches, gehüllt in lange, wehende, schwarze Kleidung. Gelegentlich ja sogar recht häufig nimmt er auch andere Gestalten an, die nur schwer zu beschreiben sind. So wird zum Beispiel in einem Falle erzählt, er sei einer ganzen Gruppe von Bergleuten in Gestalt eines riesigen Rosses erschienen, mit einem ungewöhnlich langen Hals, mit einem glühenden, herausragenden Auge mitten auf der Stirn. Andere wollen ihn als grausigen Bären, oder ein Dritter will ihn gar unter dem unheilvollen Anblick eines häßlichen, mißgebildeten Zwerges gesehen haben.
Sein Tun ist so verschieden wie sein Aussehen; und wie sein Aussehen ist auch sein Handeln oft nur schwer beschreibbar. In einem der Schächte beschäftigt er sich damit, in Gegenwart der Bergleute und ohne erkennbaren Grund, die Arbeit, die sie getan haben, ungeschehen zu machen, und mißhandelt sie, wenn sie ihren Unwillen äußern über dieses sein durchaus anfechtbares Tun; ja. er tötet bisweilen ein paar der widersetzlichsten und unwilligsten Männer. Ein andermal tritt er dagegen als Schutzherr dieser armen und einfachen Leute auf und übernimmt es selbst, ihre gerechte Sache zu verfechten und bestraft die Aufseher der Arbeiter für die Bedrückung und Ausbeutung. Die Geschichten, die man von ihm berichtet, sind unzählig, aber eine davon soll hier genügen. Ich will sie erzählen:
ES WAR EINMAL, irgendwann am Anfang des Jahres des Herrn Eintausend, daß drei ehrbare, hart arbeitende Männer, die in der Grube St. Joseph oder Virneberg beschäftigt waren, ihre Wohnung in Rheinbreitbach früh des Morgens verließen, um ihrer täglichen Arbeit im Inneren der Erde nachzugehen. Es waren gute und fromme, ehrliche und arbeitsame Leute, und zweifellos wurden sie später für diese Tugenden auch belohnt. Außer ihren Grubenlampen und den üblichen Geräten für ihr Gewerbe trugen sie auch stets ihren Rosenkranz mit sich zur Arbeit, und es war ihre Gewohnheit, jedesmal, wenn sie ihre Arbeit begannen, ein Morgengebet zu Gott zu verrichten, zuerst am Eingang des Schachtes, dann bei der Ankunft an ihrer Arbeitsstelle am Grunde des Schachtes. An diesem Morgen hatten sie allerdings diese lobenswerte Gewohnheit vernachlässigt, entweder weil sie in Eile waren, oder weil sie an diesem Tage eine zusätzliche Arbeit auferlegt bekommen hatten. Hätten sie das doch nicht vergessen! Wie es Brauch war, erhielten sie Öl nur für zwölf Stunden für ihre Lampen. Sie kamen bei der Mündung des Schachtes an und stiegen in die gähnende Schlucht hinab, durch den sich schlängelnden Gang und begannen ihre Arbeit ohne Säumen.
Sie hatten jedoch noch nicht lange gearbeitet, als ein hohles, rollendes Geräusch ganz nahe bei ihnen ertönte, und sie plötzlich die Erde unter ihren Füßen beben fühlten.
"Gott sei uns gnädig," rief einer von ihnen aus, "was kann das bedeutet haben?"
Seine erschreckten Begleiter, bleich, verstört und elend, duckten sich an den Boden in äußerster Bestürzung, sagten aber vor Angst kein Wort. Ein tiefer, klagender Laut war alles, was sie in tödlicher Angst hervorbrachten.
Ein weiterer Erdstoß, heftiger als der erste, folgte schnell danach.
"Wir sind verloren! Wir sind verloren! Flieht, flieht, flieht !" schrie der älteste der drei Bergleute. "Flieht, flieht wir sind verloren!" wiederholten seine beiden entsetzten Freunde.
Sie strebten alle drei in Richtung des Hauptausganges, um schnell an den Ausgang zu gelangen. Aber bevor sie noch drei Schritte gegangen waren, löste ein dritter Erdstoß einen riesigen Felsbrocken von der schwankenden Decke, der niederstürzte und ihnen den Weg vollständig abschnitt. Jede Hoffnung auf Entkommen war damit abgeschnitten, vielleicht für immer. Es würde Jahre harter Arbeit erfordern, einen Weg durch diese Sperre zu bahnen, doch hatten sie Öl für einen Tag nur, und auch ihre Lebensmittel reichten nicht länger. Sie waren abgeschnitten von jeder menschlichen Hilfe, sie konnten niemanden auf ihre schreckliche Lage aufmerksam machen, selbst dann nicht, wenn diese Hilfe überhaupt Nutzen gebracht hätte. Der Tod in seiner schrecklichsten Form der Hungertod, ein langsamer, schleichender Tod starrte ihnen entgegen. Sie verzweifelten fast am Himmel. Was war zu tun? Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihre letzte Stunde in Ergebung in ihr Schicksal abzuwarten, und dem Schreckensmann, dem Tod, wenn er kommen würde, sie zur Rechenschaft über ihr Leben zu laden, mit Kraft und Glauben des Christen entgegenzutreten.
"Es ist unsere Pflicht, meine Brüder," sagte dann wieder der älteste der drei, - nachdem sie sich von den Knien erhoben, worauf sie einige Zeit gelegen hatten, um zum Thron der Allmacht und Gnade zu beten "es ist unsere Pflicht, meine Brüder, die Mittel zu gebrauchen, die uns Gott gegeben hat, uns aus unserem lebendigen Grabe zu befreien, bis wir sie nicht mehr gebrauchen können. Laßt uns alles versuchen, unseren Weg hinaus selbst zu schaffen. Ich weiß wohl, daß die Aufgabe ziemlich hoffnungslos aussieht, aber ich weiß auch, daß für Gott nichts unmöglich ist, wenn er will, daß wir gerettet werden sollen."
"Nichts ist bei Gott unmöglich," antworteten seine Begleiter im Unglück, die sich etwas von ihrer Bestürzung erholt hatten, "wir wollen unser Bestes tun, um aus diesem lebendigen Grab hinauszukommen."
So gingen sie an die Arbeit, uns sie ruhten sich nur aus, wenn sie gar nicht mehr weiterkonnten. Es war jetzt Nacht. Jetzt waren auch ihre Vorräte zu Ende, und ihre einzige Lampe gab ihren letzten trüben Schimmer vor dem Erlöschen, denn das Öl war verbraucht. Das erlöschende Licht flackerte und zuckte, immer schwächer werdend, dann wieder aufflackernd und mit größerer Helligkeit und Kraft die Wände erhellend und die von Balken gestützte Decke ihrer trübseligen Behausung. Es war wie ein Gleichnis für das Lebenslicht: noch einmal heftig aufzüngelnd, dann wieder kärglich blinzelnd, bevor der Geist, der es belebt, für immer erlöscht.
Die Männer sammelten sich schweigend um die Lampe. Ohne eine Silbe zu sagen, beobachteten sie stumm die flackernde Flamme, aber der Tod sprach aus ihren hohlen und eingefallenen Wangen, aus ihren tiefliegenden und stumpfen Augen, ihrem harten, stoßweisen Atem. Das Pochen ihrer Herzen, der einzige vernehmbare Laut in dieser Stille, sprach eine beredte Sprache der Furcht und des Schreckens und der Angst; keine Zunge kann es aussprechen, keine Sprache ausdrücken, keine Feder beschreiben, kein Pinsel malen.
Aber sie fühlten sich nicht mehr verzweifelt, dieses schreckliche Gefühl war vollständig verschwunden, keine Spur war in ihrem Fühlen zurückgeblieben: das war die Wirkung ihres einfachen Gebetes. Sie fühlten wie jeder Mensch ihren unglücklichen Zustand, das ist wahr, aber sie fühlten auch wie Menschen, die wissen, das ihr sündiges Leben nicht ganz umsonst war, und daß ihr Tod nicht durch nagende Gewissensbisse verbittert werden könne.
"Ach, hätten wir doch nur," sagte der älteste Bergmann, "ach hätten wir doch nur unser Gebet gesprochen, bevor wir heute morgen unsere Arbeit begannen, dann brauchten wir uns nicht selbst Vorwürfe zu machen, wenn wir in kurzer Frist vor Gottes Richterstuhl erscheinen müssen."
"Ja," sagte der zweite, "warum haben wir unsere menschlichen Dinge den göttlichen Geboten vorgezogen!"
"Es würde jetzt sicher ganz anders um uns stehen," bemerkte der dritte. "Wenn wir einen Augenblick an Gott gedacht hätten nur einen Augenblick bevor wir unsere Arbeit begannen. Aber Gottes Wille geschehe!"
"Gottes Wille geschehe," sagten auch die
beiden anderen. Diese Worte waren kaum gesprochen, als die schwache, flackernde Flamme der
letzten Lampe noch einmal hell aufleuchtete und alles beschien, bevor sie endgültig
erlosch und tiefe Dunkelheit hinterließ.
In dieser Stunde der Furcht und der Angst, der Bedrückung und des Todes reichen Worte nicht aus, die schreckliche Lage zu beschreiben, in der sie sich befanden, noch kann die Vorstellung ein Bild davon geben, was sie litten und empfanden. Aber selbst die schrecklichsten Augenblicke dauern nicht ewig und haben ein Ende, und selbst die tödlichste aller Ängste geht einmal zu Ende. Und so geschah es auch ihnen. Sie setzten sich in der tiefen Dunkelheit nieder um sie herum der feuchte Gestank ihres Grabes, die Gewißheit des Todes, die sie mit jedem Atemzug in sich einatmeten, der nagende Hunger, der sich bereits in ihnen ausbreitete, hoffnungslos, freudlos und verloren und schliefen dennoch ein. So schliefen sie wohl gute sechs Stunden, als ob sie sich in ihren friedvollen Heimen befänden, inmitten der Geborgenheit ihrer Familien, geschützt unter dem Dach ihrer uralten Häuser, umgeben von ihren Freunden und allem, was ihnen auf Erden lieb war.
Wie kommt es, daß Verbrecher in der Nacht vor ihrer Hinrichtung am tiefsten schlafen? Wie kam es, daß diese armen Männer, unwiderruflich zum Tode verdammt, zur vielleicht schrecklichsten Art, die man sich vorstellen kann, die Sünde zu büßen wie kam es, daß sie traumlos, fest und tief, ruhig und friedlich schliefen? Psychologen und Metaphysiker sollen versuchen, eine Erklärung zu finden, wenn sie können. Ein normaler Sterblicher ist wohl außerstande, es zu begreifen.
Die Schläfer wurden zu einer Zeit geweckt, in der sie normalerweise wohl auch aufgewacht wären, aber durch ein Gefühl, das sie gleichzeitig befiel und die Empfindungen der drei Männer aufs stärkste aufwühlte. Denn, als sie ihre Augen öffneten, plötzlich, und wie aus innerem Antrieb gemeinsam, da sahen sie ein Licht; klein war es, sicherlich, aber beständig und stark, am anderen Ende des Ganges, in dem sie eingeschlossen waren. Sie standen rasch auf, denn sie hatten am Boden gelegen, und starrten entzückt auf das willkommene Bild, das sich ihnen bot.
"Gott sei gepriesen!" sagte der Älteste, "Gott sei gepriesen in Ewigkeit! Er hat uns geschenkt, in dieser Dunkelheit zu sehen!"
"Das ist wahr." Sagte der zweite, "als wir einschliefen, war unsere letzte Lampe gerade erloschen, und kein Licht war in der Grube zu sehen. Gott sei Dank! Der Herr ist wahrhaft gut zu uns!"
"Aber, meine Brüder," erwiderte der dritte, "was soll uns Licht nutzen, wenn wir nichts zu essen haben! Es wird nur unsere Qualen erhöhen und unsere letzte Stunde noch schlimmer machen! Denn es wird lediglich dazu dienen, uns gegenseitig zu zeigen, welche Todesschmerzen und Pein wir auszuhalten haben, und so müssen wir jeder einen dreifachen Tod sterben."
"Gott ist gut! Gott ist gut!" antworteten seine Begleiter ergeben. "Gott ist gut! Aber sieh doch, sieh doch, das Licht bewegt sich!"
"Ja, Gott ist gut, das Licht kommt näher," rief jetzt auch der dritte, "es kommt hierher, seht doch, es ist schon ganz nahe!"
Sie warteten in Furcht und Zittern, in einem Ausbruch von überreizter Hoffnung und vorweggenommener Furcht, als sich das Licht immer mehr näherte, deutlicher und deutlicher wurde. Zuletzt flammte es in all seiner Stärke vor ihnen auf, unnatürlich in seiner Helligkeit und Stärke, und es wurde ihnen deutlich bewußt, daß es kein irdisches Licht war; das erkannten sie nun ganz klar.
Das Licht strahlte aus einer gewaltigen Grubenlampe, getragen von einer riesigen Gestalt, deren Oberkörper in der Dunkelheit der Decke verborgen schien, so gewaltig war ihre Größe. Die gewaltige Erscheinung war in das schwarze Kleid eines Mönches gehüllt, und ihr Kopf, soweit er überhaupt in dem schwachen Licht, in dem er sich befand, erkennbar war, schien in eine Kapuze aus dem gleichen Stoff gehüllt zu sein. In ihrer rechten Hand trug sie die Lampe, aus der das Licht hervorschien, in der linken Hand trug sie einen kleinen Korb, bedeckt mit einem weißen Leinentuch.
"Gott schütze uns!" stießen die schreckensstarren Bergleute hervor, als sie die gewaltige Gestalt endlich ganz deutlich aus einer Felsspalte hervortreten sahen.
"Gott schütze uns! Es ist Meister Hämmerling! Es ist der Mönch!"
"Mag er im Guten oder im Bösen kommen, komme er zu unserem Wohl oder zu unserem Wehe," sagte der älteste der drei, "er kommt nicht ohne Erlaubnis des Himmels. Es hilft uns nichts zu wissen, in welcher Absicht er kommt. Sei es eine gute oder schlechte Absicht: Gottes Wille geschehe!"
"Gottes Wille geschehe!" stießen die beiden anderen heraus. Dies Gespräch war kaum beendet, da trat der Berggeist an sie heran. Jetzt stand er in voller Größe vor ihnen. Welch einen erschreckenden Anblick bot das gespenstische Wesen. Die Gegenwart der Toten, ganz gleich in welcher Form, wird wohl immer den Lebenden Furcht bereiten. Selbst diese armen Menschen, die doch mehr oder weniger bereits lebendig begraben waren, - ohne Hoffnung, verloren, ohne die mindeste Hoffnung auf Rettung, Nachbarn der Toten und Dahingegangenen, Wanderer, bereits unterwegs in die andere Welt, - selbst sie erschraken noch, als sie ihn in seinen ganzen unnatürlichen Ausmaßen erkannten. In der erhabenen Sprache des Propheten: "Furcht kam über sie und Zittern, das alle ihre Gebeine schüttelte. Ein Geist zog vor ihrem Angesicht vorüber, und das Haar ihres Leibes stellte sich auf, aber eine Form konnten sie nicht unterscheiden, ein Bild war vor ihren Augen¸ nun war Schweigen, und sie hörten eine Stimme." (Job IV, 14-16)
"Ihr werdet bestraft für eure Mißachtung Gottes," sprach der Geist mit tiefer, feierlicher Grabesstimme, "ihr habt das Los derer gezogen, die ihre Arbeit dem Gebet vorziehen die Erde dem Himmel!"
Die unglücklichen Männer stöhnten innerlich auf; aber aus Furcht vor dem schrecklichen Wesen, das vor ihnen stand, schwiegen sie und gaben keine Antwort.
"Ihr werdet bestraft," fuhr der furchterregende Besucher fort, "weil ihr Gott hinter eure eigene Bequemlichkeit zurückgestellt habt. Aber Gott ist ein barmherziger Gott, er vergibt sogar denen, die ihn geringachten. Seine Barmherzigkeit währt ewig!"
"Herr, erbarme dich unser!"
"Christ, erbarme dich unser!"
"Herr, erbarme dich unser!"
In ihrer Todesangst riefen die Bergleute auf diese Weise Gott an.
"Hier," sagte der Geist nach einer langen Pause, in der er streng aber bekümmert auf sie herniederschaute, "hier, nehmt das, und gebt acht auf die Anweisungen, die ich euch dazu erteile!"
Während er dies noch sagte, hielt er ihnen seine Lampe entgegen und den Korb, den er trug, und bedeutete den zitternden Männern, sie an sich zu nehmen. Der älteste der drei trat nach vorn und nahm sie in seine Hand.
"In diesem Korb werdet ihr genug Nahrung finden," fuhr der Geist fort, "und diese Lampe wird euch reichlich Licht und Öl spenden."
Sie konnten kaum ihre Freude unterdrücken, als sie ihn so sprechen hörten, und sie waren dabei, ihren Gefühlen hörbar Ausdruck zu verleihen.
"Macht
schnell," sagte der Wohltäter weiter, ohne auf die Ausrufe ihrer Dankbarkeit und
ihres Entzückens zu achten. "Nehmt Öl und Licht aus der Lampe und Nahrung aus dem
Korb!"
Das war bald getan.
"Und nun," fügte er feierlich hinzu, "noch ein Wort, und meine Aufgabe ist erfüllt. Schafft euch einen Weg hinaus, so gut ihr könnt. Der Herr will, daß ihr am Ende die Freiheit wieder gewinnt; aber er will auch, daß es nur durch harte Arbeit eurer Hände geschieht. Öl, Licht und Nahrung wird es genug geben, bis eure langen Mühen ans Ziel gelangen. Und," so schloß er feierlich, "wenn der erste Strahl des Tageslichts wieder in eure jetzige Finsternis fällt, in diesem Augenblick erlaubt euch die Allmacht, jeder eine Gunst von Gott zu erbitten. Jeder von euch hat einen Wunsch frei, den er erfüllen wird. Lebt wohl!"
Der Geist löste sich vor ihren Augen auf, kaum daß der Widerhall seiner Abschiedsworte verklungen war. Und die armen Männer glaubten erst, daß es kein Traum gewesen war, als sie das warme Licht aus ihren erneuerten Lampen strahlen sahen und die Nahrung sahen, von der sie glaubten, daß sie für die nächsten zwölf Stunden reichen werde.
"Gottes Wille geschehe," so riefen sie wieder, gemeinsam wie aus einem Mund. "Sein Name sei gepriesen auf ewig!" Sie begaben sich freudig ans Werk, ohne Zögern, ohne Murren und Klagen, um das gewaltige Hindernis wegzuräumen, das auf dem Weg zur Freiheit lag.
In dieser Nacht war "Weinen und Wehklagen" in drei vorher glücklichen Heimen in Rheinbreitbach. Bärtige Männer weinten wie kleine Mädchen, weil sie Freunde und Brüder verloren hatten. Kinder weinten bitterlich um ihre Väter; und Frauen, schön und tugendhaft, trauerten um ihre herzliebsten Ehemänner, die Väter ihrer Kinder und Stützen ihres Lebens, und "wurden nicht getröstet, denn sie sind nicht mehr".
Die begrabenen Bergleute arbeiteten, wie jeder Mensch arbeiten würde, wenn es um die Befreiung vom Tode ginge. Zuletzt drang ein schwacher Schimmer von außen in das Dunkel ihres lebendigen Grabes, durch einen engen Spalt des sie hindernden Felsbrockens. Zuerst sah der älteste den Schimmer der immer den anderen voran war.
"Gott sei gedankt für seine Gnade!" schrie er laut auf. "Oh, meine Brüder, er war gut zu uns, seht doch!"
Sie sahen hin und sahen den ersten Strahl des Tageslichtes. Das war wirklich ein fröhlicher Anblick für sie, ein Anblick, den niemand so schätzen kann, außer, wenn er so im Dunkel eines Grabes lebte, wie sie das getan hatten.
"Gott sei gepriesen! Er war wirklich gut zu uns!" riefen auch die anderen aus.
Dann knieten sie wieder hin und beteten innig zu ihm, der "Himmel und Erde in der Wölbung seiner Hand hält", und sagten ihm ihren Dank und ihre Freude, die aus ihnen strömten wie eine Quelle lebendigen Wassers über dürstenden Boden. Ihre Seele wurde gelöst in Friede und Freude, sie waren ganz erfüllt von Entzücken und begriffen, was Glück wirklich ist.
Dann stand der älteste der drei auf und sprach folgendes, wobei er wie in einer Eingebung sprach:
"Jetzt, wo wir das Tageslicht wiedergesehen haben, wünsche ich mir, meine Frau und meine Kinder wiederzusehen, sie wieder zu umarmen und zu segnen und dann zu sterben!"
"Sterben." Kam der Widerhall aus dem verschlungenen Gang zurück.
"Und ich," sagte der zweite, den Wunsch nach Anweisung des Mönches aussprechend, "ich wünsche nur, noch einmal mich hinzusetzen und ein Mahl mit meiner Familie zu halten in Frieden und Dankbarkeit, und dann aus dieser schlechten Welt für immer zu scheiden, für immer!"
"Für immer," wiederholte das Echo.
Der dritte sagte dann in einem feierlichen Ton: "Ein Jahr und einen Tag mit meiner Frau und meinen Kindern wieder zusammenleben, ist alles, was ich von Gott erbitte. Und dann sterben in Frieden!"
"Frieden," kam der Widerhall von den unterirdischen Gängen, wie ein harmonischer Wohlklang.
Sie hatten diese Worte kaum gesprochen, als der Fels mit lautem Krachen auseinanderbarst und ihnen den Weg aus der Grube frei gab. Sie dankten dem Herrn erneut, und nachdem sie der Erde wieder entstiegen waren, beteten sie heiß um seine weitere Hilfe und Schutz. Dann gingen sie nach Rheinbreitbach.
Es war Abend, als sie das Dorf erreichten. Die Dorfbewohner erfreuten sich schon alle, nach des Tages Mühen, der Ruhe und Entspannung in ihren Familien.
"Auf Wiedersehen, meine Brüder," sagte der ältere Bergmann, als er vor der Tür seiner Hütte stand, auf Wiedersehen, auf Wiedersehen. Wenn wir uns in dieser Welt nicht mehr wiedersehen sollten, vielleicht sehen wir uns im Himmel wieder."
Er betrat seine Hütte. Sie schien sich sehr unglücklich verändert zu haben in der kurzen Zeit, in der er, wie er glaubte, von zu Hause abwesend gewesen war. Eine unglücklich aussehende Frau, die verzweifelt über die Asche eines ausgehenden Feuers gebeugt war, drei große Buben, die in einer Ecke des Raumes sich zusammendrängten, zitternd vor Kälte, waren die Bewohner.
"Was ist das?" rief er überrascht aus, "das ist nicht mein Heim! Wer bist du?"
Die Frau stand auf, als er so sprach, und einen Augenblick zögernd, kam sie zu ihm, wo er stand. Sie sah ihm ängstlich in die Augen und streckte ihre Hand aus, um das dichte Haar wegzustreifen, das in verfilzten Strähnen über den Augenbrauen hing.
"Oh Mutter, Mutter," schrien die Buben, "faß ihn nicht an, faß ihn nicht an! Er ist der wilde Mann aus dem Siebengebirge, sieh doch seinen Bart!"
Der Bergmann lächelte, als sie das sagten, aber es war ein schwermütiges Lächeln. Doch die Rufe der Buben lenkten seine Blicke doch auf sein Äußeres, und als er an seiner Kleidung auf und ab blickte, sah er, zu seinem großen Erstaunen, daß ihm sein Bart bis weit über die Knie reichte. Sofort wurde er sich bewußt, daß das Eingreifen der Vorsehung zu seinen Gunsten beträchtlich größer gewesen war, als er zuerst gedacht hatte.
"Gottes Wille geschehe!" sagte er da wieder,. "Gottes Wille geschehe. Ich bin in seinen Händen, und er war sehr gnädig mit mir!"
In der Zwischenzeit hatte sich die Frau den Mann näher angesehen, jede Falte seines Gesichtes, die erkennbar war, sie prüfte jeden Zug seines Gesichtes. Ihre aufmerksamen Blicke fielen ihm auf.
"Sprich," rief sie aus, "laß mich deine Stimme hören! Meine Seele ahnt Schlimmes! Gibt das Grab seine Toten frei, oder ist es nur ein böser Geist, der mich in meinem Kummer und meiner Bedrängnis betrügen kommt? Sprich! Sprich doch nur ein Wort. Um Gottes Willen, der für uns alle litt, sag etwas!"
"Meine liebe Frau!" war alles, was er sagte. "Meine liebe Frau!"
Da warf sie sich mit einem Mal in seine Arme und hielt ihn fest. Der einzige Blick, den er auf sie gerichtet hatte, hatte genügt, sie zu überzeugen, es sei ihr Ehemann, und obwohl tiefes Elend sie bis ins Mark getroffen hatte, erkannte er auf einmal, daß sie seine Ehefrau gewesen war, die lange vermißte Gefährtin in Freud und Leid.
"Sind das unsere Kinder?" fragte er, halb zweifelnd, halb in Furcht, nachdem die erste Freude vorüber war, "sind das unsere Kinder?"
Die Mutter nickte zustimmend, denn ihr Herz war so voller Freude, daß sie diese eigenartige Frage nicht anders beantworten konnte.
"Nein, nein," fuhr er fort, "du täuschst mich. Es kann nicht sein, es kann nicht sein."
"Dich täuschen!" rief die verstörte Frau aus. "Dich täuschen! Oh nein, nein, nein!"
Ein hysterisches Aufschluchzen begleitete ihre Worte. Ihr Herz war überwältigt von Glück, sie wußte nicht, wie sie es tragen sollte.
"Ich ging doch erst in der vergangenen Nacht weg!" fuhr er fort, "da waren sie noch ganz kleine Kinder fast Säuglinge. Wie kann das sein?"
"Vergangene Nacht!" weinte seine Frau. "Vergangene Nacht! Es sind jetzt sieben lange Jahre, daß du zu der fürchterlichen Grube gegangen bist. Wie lang waren diese sieben traurigen Jahre für mich! Sieben Jahre der Trauer, der Sorge, des Kummers der Hoffnungslosigkeit und des Grams. Oh Gott, oh Gott!"
Sie weinte eine Zeit lang bitterlich, dann gewann sie etwas Fassung.
"Gottes Wille geschehe," sprach ihr Ehemann feierlich. "Jetzt begreife ich es. Ich bin bereit!"
Jetzt war es ihm nicht mehr schwer zu erkennen, daß die Zeit, die er und seine Gesellen im Unglück nur für eine Nacht gehalten hatten, in Wirklichkeit volle sieben Jahre gedauert hatte, und daß ein Wunder geschehen war, damit sie wieder in die Freiheit gelangen konnten. Er erinnerte sich an die Ermahnungen des Geistes in der Grube, und sein eigener Wunsch trat ihm deutlich ins Bewußtsein.
"Des Herrn Wille geschehe", war alles, was er sagte. "Des Herrn Wille geschehe! Ich bin bereit!"
Er setzte sich hin und im nächsten Augenblick war er tot. Er hatte seine Frau wiedergesehen und seine Kinder. Er hatte sie umarmt, und dann hatte er sich ruhig an die Macht zurückgegeben, die ihn in der Gefahr getragen hatte, in der Zeit seiner Qual und Furcht. Er war aus dieser Welt geschieden, der arme Mann, aus dieser Welt des Kummers und des Wehs, und war in eine andere Welt hinübergegangen, wo Frieden ein bleibender Gast ist, wo die Gegenwart Gottes alles schön und leuchtend macht, wo die "Gottlosen nicht mehr quälen können und die Trauernden getröstet werden!"
Zwei Trauerzüge bewegten sich zum Friedhof in Rheinbreitbach, vier Tage nach der Befreiung der Bergleute. Der älteste Bergmann und der zweite Bergmann wurden begraben, an denen sich das göttliche Urteil erfüllt hatte. In Übereinstimmung mit ihren eigenen Wünschen, die sie nach ihrer Befreiung aus dem lebendigen Grabe geäußert hatten. Sie wurden in ein Grab gelegt, unter dem Schluchzen und Weinen aller Nachbarn.
Ein Dritter wurde nach Jahr und Tag zu Grabe geleitet und im gleichen Grabe beigesetzt. Es war der dritte Bergmann, der seinem Wunsch gemäß ein Jahr und einen Tag mit seiner Frau und seinen Kindern zusammengelebt hatte und dann in Frieden geschieden war, um seinen Freunden in eine bessere Welt zu folgen.
Überlieferung, Sage oder Geschichte berichten sonst nichts von diesem Ereignis.