Heimatverein Rheinbreitbach e.V.Das Schicksal der Wiedertäufer Heinrich Koenen aus Rheinbreitbach und Conrad Koch aus Dollendorf

Von Hans Homann
(Heimatblätter des Siegkreises, 1969, Heft 5)

Einige Jahr nach der letzten Jahrhundertwende gab der evangelische Pfarrer Ernst Rentrop aus Königswinter eine kleine Schrift heraus, in der er die Geschichte der evangelischen Glaubensbewegung in den Jahren zwischen1550 und 1670 in den Ortschaften des Siebengebirges aufzeichnete. Sein Hauptaugenmerk wandte er den Anfängen des evangelischen Gemeindelebens im damaligen Amt Löwenburg des Herzogtums Berg zu unter besonderer Berücksichtigung der religiösen Bewegungen in der Gemeinde Honnef. Aus dieser Schrift ist zu entnehmen, daß sich bereits im Jahr 1550 eine evangelische

Glaubensgemeinschaft in Honnef gebildet hatte, die allerdings lediglich etwa einhundert Jahre Bestand gehabt hat. In der Zeit der Gegenreformation hat sie ihre gesamte Mitgliedschaft eingebüßt.

Im Bereich des Amtes Löwenburg konnten neben den Evangelischen die Wiedertäufer in der Reformationszeit allenthalben Fuß fassen. Zu ihrem Erfolg haben die ungünstigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse wesentlich beigetragen. .Die Forderungen ihrer Prediger, die Wucherer den Dieben gleichzustellen und die Reichen wie Diebe und Mörder zu verurteilen und zu bestrafen, entsprachen den Wünschen des "armen Mannes", der über seine soziale Zurücksetzung, Rechtlosigkeit und Unfreiheit Klage führte und nach der "Gerechtigkeit Gottes" verlangte, die sich aus der Gleichheit aller Menschen vor dem Allerhöchsten ergeben sollte. In verhältnismäßig kurzer Zeit bildeten sich in allen Orten des Amtes Löwenburg Wiedertäufergemeinden, die ein reges religiöses Leben zu verzeichnen hatten. In erster Linie in Honnef und in Dollendorf entwickelten sich besonders kraftvolle Zentren ihrer Glaubensgemeinschaft. Zu den führenden Männern der Wiedertäufer im Gebiet des Siebengebirges zählten vor allem Heinrich Koenen aus Rheinbreitbach – wahrscheinlich ein Sohn des damals amtierenden Schöffen Johann Koenen – und der als Wanderprediger tätige Konrad Koch aus Dollendorf.

Es ist das besondere Verdienst des Pfarrers Josten aus Honnef, das Schicksal der Wiedertäufergemeinden im Siebengebirge aufzuhellen und Einzelheiten über das Wirken ihrer leitenden Gemeindemitglieder in Erfahrung zu bringen. Durch seine Beschäftigung mit dem von holländischen Wiedertäufern herausgegebenen Werk "Het bloedig Toneel der doopsgezinde en weereloze Christen" aus dem Jahre 1685 fand er heraus, daß der Gefährte des Rheinbreitbacher Wiedertäufers, der Wanderprediger Konrad Koch aus Dollendorf, als Märtyrer seines Glaubens im Jahre 1565 in Honnef enthauptet worden ist.

Aus dem in Wien erschienenen Werk von Dr. Rudolf Wolkans "Die Lieder der Wiedertäufer" kann entnommen werden, daß die Wiedertäufer die Gepflogenheit besaßen, bei ihrer Einkerkerung gemeinsam strophenreiche Lieder zu verfassen, in denen sie die Grundzüge ihrer Glaubenssätze herausstellten und in denen sie die erlittenen oder bevorstehenden Peinigungen beschrieben. Auf der Seite 100 dieses Buches werden als Verfasser des geistlichen Liedes "Hört, ihr Christen, alle..." der Rheinbreitbacher Wiedertäufer Heinrich Koenen und der Dollendorfer Wanderprediger Konrad Koch genannt. Zwar sind ihre Namen für den Nichteingeweihten unauffindbar. Sie stehen weder über noch unter den vierzig Strophen des Liedes. Man findet sie aber, wenn man die Anfangsbuchstaben der 2. - 40. Strophe aneinander reiht. Sie ergeben: CONRAD KOCH UND HEINRICH KOENEN AUS BREIDTBACH.

Für die Kenntnis der führenden Männer der Wiedertäufer im Siebengebirge ist vor allem der zweite Teil des Liedes bedeutsam, weil in ihm Heinrich Koenen aus Rheinbreitbach die seelischen Qualen und körperlichen Leiden seines Freundes Konrad Koch dargestellt hat. Die wichtigsten Strophen daraus, deren Anfangsbuchstaben ergeben ".... DTBACH", besagen bei ihrer Übertragung in unsere heutige Sprache.:

"Das muß ich euch jetzt sagen,
ihr Brüder und Schwestern mein,
wie es sich hat zugetragen
zu Dollendorf am Rhein.
Da hat man eingefangen
einen gottergebenen Mann.
Wie ein Lamm ist er gegangen
zum Turm der Löwenburg dann.

Tat man mit Gewalt ihn greifen
im fünfundsechzigsten Jahr.
In das Gefängnis tat man ihn schleifen.
Dort ist er in Todesgefahr.
Dort hat er gefangen gesessen
beinahe ein halbes Jahr.
Den Herrn hat er nie vergessen,
bot sich ihm als Opfer dar.

Beschimpft ward er und bedrohet
vom Rentmeister, einem harten Mann.
Dessen Herz war ganz verrohet.
Auf Conrads Tod er sann.
Er hat ihn hart versuchet
mit Bitten, Hunger und Tod.
Der Amtmann laut ihm fluchet.
Das bracht ihm neue Not.

Ach, Knechte ihn dann zwangen
aus dieser Welt zu gehn.
Doch ist er selbst gegangen,
das mußte man gestehn.
Er ist also geschritten
nach Honnef, nach dem Plan.
Im Bürgerhaus kein Bitten
um Gnad‘ hat er getan.

Conrad tat nicht entsagen
dem Glauben und der Gnad‘.
Er hat sein Leid getragen
und nicht um Gnad‘ er bat.
Man hat ihm oft versprochen
zu schonen seinen Leib.
Standhaft blieb er durch Wochen.
Er war zum Tod bereit.

Herrgott, mit falschen Listen
sie kamen oft zu ihm.
Noch schlimmer als Sophisten
ein jeder ihm erschien.
Geht einmal hier im Jahre
in unser Gotteshaus!
Hört dort die Wahrheit klare,
die niemals weicht daraus!"

In weiteren Strophen berichtet der "Heinrich Koenen aus Breitdbach", daß Conrad Koch trotz mehrfacher Folterung an der Verwerfung der Kindertaufe festgehalten hat mit der Begründung, daß nur der erwachsene Mensch, der Glaubenstüchtige, reif für das Getauftwerden sei. Er bewies eine Standfestigkeit, die eine typische Eigenschaft der Mitglieder dieser Sekte seit ihren Anfängen war und die Luther veranlaßte, in ihr "höllische Verstocktheit und ein Werk des Satans" zu sehen. Auch der Reformator Zwingli erblickte in ihr ein Bollwerk, das ihm seine Kämpfe mit Mitgliedern anderer Sekten als Kinderspiel erscheinen ließ.

Mit Conrad Koch wurden noch sieben weitere Wiedertäufer, vier Männer und drei Frauen zum Tode durch das Schwert verurteilt. Herzog Wilhelm, der Reiche, von Kleve, Jülich und Berg hatte unter dem 7. Oktober 1565 an den Amtmann Jost von Eller auf der Löwenburg den Bescheid gesandt, daß die angeklagten Wiedertäufer wegen gebrochener Urfehde (Eid, daß man aus der Verbannung nicht mehr zurückkehren werde) ihrer gerechten Strafe zugeführt werden sollten. Das entsprach dem Paragraphen 6 des "Reichstagsabschieds" von Speyer vom Jahr 1529, in dem es hieß, daß "alle und jeder Wiedertäufer und Wiedergetaufte, Männer und Weibspersonen verständigen Alters vom natürlichen Leben zum Tode mit Feuer, Schwert und dergleichen nach Gelegenheit der Personen ohne vorhergehende Untersuchung durch geistliche Richter gebracht werden müssen".

Die Verfolgung der Wiedertäufer war weniger auf ihr Festhalten an der Erwachsenentaufe als vielmehr auf ihre Ablehnung der bestehenden Obrigkeit, der Leugnung der Autorität des Staates und die Aberkennung seine bestehenden Rechtes, nach dem Grundsatz "Wer den Staat regiert, der bestimmt darüber, welcher Glaubensgemeinschaft seine Untertanen anzugehören haben" zu handeln. So verstießen auch Conrad Koch und Heinrich Koenen gegen die Grundauffassung ihrer Zeit, nach der jedermann von seiner Geburt an zu einem bestimmten Staat und zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft gehöre.

Die Hinrichtung des Konrad Koch wird wahrscheinlich zu Ende des Jahres 1565 stattgefunden haben, da er nach den in den Strophen des von seinem Freund Heinrich Koenen verfaßten Liedes enthaltenen Angaben im Jahre 1565 verhaftet worden ist und ungefähr ein halbes Jahr gefangen gehalten wurde. Als der Bescheid des Herzogs von Berg am 7. Oktober 1565 eintraf, der seine Hinrichtung befahl, wird er bereits mehrere Monate mit seinen Glaubensgenossen im Turm der Löwenburg als Gefangener zugebracht haben. Aus welchem Grunde Heinrich Koenen aus Rheinbreitbach nicht zu den mit Conrad Koch enthaupteten Wiedertäufern gehört hat, ist nicht bekannt. Es ist anzunehmen, daß man ihn später verhaftet hatte als seinen Freund und daß ihm deshalb noch eine kurze Frist zu seiner Bekehrung eingeräumt worden war. In dieser Zeit hat er dem mit seinem Freund gemeinsam geschaffenen Lied noch einige Strophen angefügt, von denen die folgende seine unüberwindliche Standfestigkeit Conrad Kochs im Glauben bekundet.

"Ganz heimlich werden sie ihn umbringen
mit dem Schwert, den frommen Mann.
Wenn alles schläft, soll erst es schwingen
der Henken in des Bösen Bann.
Den Mord an ihm muß ich verdammen
wie alles Volk im weiten Land.
Gleich sieben mordet man zusammen:
Du Richter, das ist deine Schand!"

Die Wiedertäuferbewegung im Siebengebirge ging durch die grausame Verfolgung ihrer Mitglieder zugrunde. Heute findet man Anhänger dieser Sekte, die allerdings ihre sozialen Ziele weitgehend revidiert hat, noch unter dem Namen der Mennoniten am linken Niederrhein und der Herrenhuter Brüdergemeinde in Neuwied. Viele Wiedertäufer haben es vorgezogen, auszuwandern. Sie gründeten große geschlossene Siedlungen, so in den USA, in Kanada, Mexiko und Paraguay.


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