Heimatverein Rheinbreitbach e.V.Das teuflische Kegelspiel oder das untergegangene Dorf

Von Jakob Faber
(Heimatkalender Kreis Neuwied, 1940)

Zwischen Rheinbreitbach und Scheuren lag einstmals das kleine Dörfchen Berg, dessen freundliche, hell getünchte Fachwerkhäuser durch das dichte Gebüsch der "Brücken Heck" nahe der Landstraße leuchteten und dessen fleißige, gottesfürchtige und fröhliche Einwohner aus ihren gepflegten Obstgärten und von den fruchtbaren, bis an das nahe Rheinufer reichenden Feldern den Segen guter Ernte nach Hause bringen konnten, so daß ein jeder im Dorf Berg sein tägliches Brot auf dem Tisch hatte. Die Leute aus Berg vergaßen es an keinem Tage, ihrem Herrgott als dem Spender aller Früchte für die ihnen bewiesene große Gnade von Herzen zu danken, sowohl im stillen Kämmerlein als auch in der kleinen Kapelle auf dem Marktplatz neben dem Brunnen in der morgendlichen Heiligen Messe. Ihre Dankbarkeit und Ehrerbietung bezeugten sie aber nicht nur ihm, sondern auch dem Burgherrn, dem Ritter von Berg, der von seiner aus Basaltsteinen errichteten Feste an der Berglehne nahe der Landstraße den Zoll für seinen Landesherrn von den Waren der durchreisenden Kaufleute erhob. Ihm fühlten sich alle Einwohner aus Berg eng verbunden, weil die Herren aus seinem Geschlecht seit jeher darüber gewacht hatten, daß kein Räuber, Dieb oder Wegelagerer ihnen auch nur den geringsten Schaden an Gut und Leben zufügte. Ihm zahlten sie bereitwillig den Zehnten von ihren reichlichen Ernten in den Obstgärten, auf den Feldern und in den Weinbergen. Wenn die Berger Bauern, Winzer, Handwerker und Krämer ihre frohen Feste bei hochgefüllten Speiseschüsseln und bei mächtigen irdenen Krügen voll ihres kräftigen, mundigen Rheinweins feierten, fehlten in ihrer Runde niemals der Ritter von Berg und seine Gemahlin.

Als die gütige Rittersfrau bei der Geburt ihres ersten Kindes, eines wunderschönen Mägdeleins, ihr junges Leben lassen mußte, zog tiefe Trauer nicht nur im Schloß, sondern auch in alle Häuser des Dorfes Berg ein. Eine junge Bergerin, die bereits seit langer Zeit als Wirtschafterin ihrer Herrin zur Seite gestanden hatte, übernahm hilfsbereit die Pflege und Erziehung des neugeborenen Mädchens. Eines Tages wurde der Ritter an den Hof seines Fürsten gerufen, der ernstlich darauf drang, daß er sich erneut verehelichen sollte, damit das Geschlecht der tapferen Ritter von Berg in seinem Land nicht aussterben möge. Widerstrebend ließ er sich nach langem Zögern dazu bewegen, eine hübsche, aber hochmütige Ritterstochter aus der Verwandtschaft seines Fürsten zur Frau zu nehmen und zu seiner Burg in Berg heimzuführen.

Es währte nicht lange, da änderte sich nicht nur das gewohnte Leben auf der Ritterburg, sondern auch im ganzen Dorf Berg. Die neue Herrin liebte den herzlichen und freundlichen Umgang ihres Mannes mit den einfachen Leuten aus dem Dorf nicht.. Sie betrachtete sie nicht nur als ihre Untertanen, sondern behandelte sie auch wie ihre Knechte und Mägde. In ihrer Abneigung gegen die einfachen Menschen aus Berg und in der Überschätzung ihrer eigenen Person gestattete sie es ihrem Gemahl nie mehr, an einem der fröhlichen Feste teilzunehmen , denen er bisher durch seine Anwesenheit die rechte Weihe verliehen hatte. Als dem Ritterpaar nach einem Jahr ein kräftiger Sohn geboren wurde, ließ die hochmütige Frau alle Gratulanten des Dorfes aus dem Schloßhof weisen und die Annahme ihrer Geschenke für den kleinen Erdenbürger auf dem Schloß verweigern.

Aus ihrem Sohn machte sie einen hartherzigen und mitleidlosen Tyrannen, der in der Zahl seiner Untugenden seiner Mutter in keiner Weise nachstand. Er wuchs zu einem schönen und überaus kräftigen Jüngling heran, der aber wegen seiner Gewalttätigkeit und Roheit von alt und jung im Dorf gefürchtet und gemieden wurde. Als sein Vater von einem Kriegszug mit seinem Fürsten nicht mehr zurückkehrte, trat er die Herrschaft an. Von dem Tage an, da er die Gewalt in den Händen hatte, wurde das Leben in Berg noch freudloser und stiller als es seit der zweiten Hochzeit des Ritters von Berg durch fast zwei Jahrzehnte hindurch bereits gewesen war. Nun mußten die Berger für ihn schwere Fronarbeit auf seinen Gütern leisten und in jedem Jahr höhere Abgaben an Getreide, Obst und Vieh als Zehnten zu seiner Burg bringen. Seine Vorratshäuser füllten sich bis zum Bersten und seine Ställe konnten das ihm gehörende Vieh kaum fassen.

Als nun ein Jahr über das Dorf Berg kam, das zur Zeit des Wachstums eine ungewöhnliche Trockenheit und zur Zeit der Ernte unaufhörlichen Regen mit sich brachte, blieben die Scheunen der Bauern leer und, da sie keine Vorräte besaßen, so blieben ihre Tische ohne das tägliche Brot. Bald kehrte die Hungersnot in alle Häuser des Dorfes ein. Da machten sich die Schöffen und Ältesten auf den Weg zur Burg, um den jungen Ritter um seine Hilfe zu bitten. Sie flehten ihn inständig um die Überlassung von einem Teil seiner Getreidevorräte an, um die leidenden Menschen des Dorfes vor dem Tod durch Verhungern retten zu können. Mit erhobener Schwurhand versicherten sie ihm, daß sie ihm nicht nur in den kommenden Jahren jedes geborgte Getreidekorn zurückgeben würden, sondern aus Dankbarkeit jedem noch eines hinzulegen wollten. Sie glaubten gleich allen Bewohnern von Berg, daß es der junge Ritter nicht übers Herz bringen könnte, das Korn denen zu verweigern, die in mühseliger Arbeit auf ihren Feldern angebaut und geerntet hatten und es nun dringend zur Stillung ihres Hungers bedurften.

Der junge Ritter erklärte den erschienenen Männern mit freundlichem Gesicht, daß er einen Plan entworfen habe, wie er auf recht lustige Weise eine große Menge von Getreide in ihr Dorf bringen würde, die jedermann zum Staunen und Verwundern bringen müßte. Dann lud er sie zu einer Kegelpartie auf dem Dorfplatz unter der Linde ein und versprach ihnen, dort mit seinen Knechten und Knappen recht fröhlich zu sein. Voller Hoffnung kehrten die Männer in ihr Dorf zurück und erzählten überall, wie ihre Unterhaltung mit dem jungen Ritter von Berg verlaufen war. Nun glaubte man zuversichtlich an eine Wende der Not und an ein Ende der Tage des Elends und des Hungers.

Tatsächlich erschien der Ritter am Tage darauf auf dem Marktplatz von Berg. Seine Bediensteten führten einen großen Wagen mit sich, den sie über die Straße zum Marktplatz brachten. An der Kegelbahn angelangt, luden sie 9 knusprig braun ausschauende, dorf_berg.gif (8534 Byte)riesige Kegel ab und stellten sie auf ihre angezeigten Plätze. Dann holten sie mehrere Dutzend Kegelkugeln von der Karre, die so schwer waren, daß sie Mühe hatten, diese an den Startplatz zu bringen. Kegel und Kugeln dufteten nach frisch gebackenem, schwarzen Brot und glänzten in ihrem tiefen Braun wie ehemals die Krusten der Roggenbrote in den Häusern der Leute von Berg. Der junge Ritter, der über gewaltige Kräfte verfügte, ergriff die größte der Kegelkugeln und wog sie wie einen leichten Apfel in seiner Hand. Dann schleuderte er sie über die Bahn ins Ziel, daß die 9 Kegel krachend durcheinander purzelten. Eine Menge kleiner Stücke der Krusten wurden in die umstehende Menge geschleudert, deren Augen erwartungsvoll und hungrig auf den Wagen gerichtet waren, in dem sie Säcke mit Getreide und eine Anzahl von Brotlaiben vermutete. Erschrocken bückten sich Männer, Frauen und Kinder, um die Splitter der Kegel aufzulesen. Sie erkannten, daß sie Teile von einem allzu hart gebackenen Schwarzbrotteig waren, aus dem der Ritter Kegel und Kugeln hatte formen lassen. Sie versuchten, sie in ihrem großen Hunger zu verspeisen. Alleine die Brotbrocken waren so hart wie Steine der Burg des Ritters von Berg, so daß sie die Hungernden mit Tränen in den Augen zur Erde fallen ließen. Der Ritter aber setze sein höllisches Kegelspiel immer wüster und ausgelassener fort, so daß schließlich alle Kegel und Kugeln zerborsten waren und ihre Splitter die Kegelbahn bedeckten, als habe der Köhler die Holzkohle aus seinem Meiler darüber gestreut. Der junge Ritter lachte aus vollem Halse, als er sah, wie die hungrigen Menschen vergeblich versuchten, die steinharten Reste seiner Kegel und Kugeln zu zerbeißen und zu kauen. Dann ritt er von dannen. Auch noch aus der Ferne erklang sein lautes Lachen und Kichern zu den verhöhnten und verspotteten Einwohnern von Berg hinüber.

Die wenigen Männer, Frauen und Kinder, die dank ihrer Widerstandskraft und ihrer Energie den Mut und den Willen aufbrachten, sich durch die Flucht vor dem Hungertod und vor dem Ritter von Berg zu retten, setzten in einer dunklen Nacht auf die andere Rheinseite nach Birgel über und wanderten von da aus in die Eifel hinein, wo sie eine neue Heimat fanden.

Wenige Nächte später, als der junge Ritter in Kreise seiner Knechte und Knappen tobte und schimpfte, weil sein Dorf Berg menschenleer geworden war, ereilte ihn und seine Spießgesellen die verdiente Strafe. Rings um die Burg tat sich die Erde auf und aus der Tiefe der Hölle strahlte blutrotes Feuer gegen den dunklen Himmel über der Burg und dem stillen Dörfchen Berg. Dann versank das Schloß in der Tiefe und riß das ganze Dorf und alle Häuser mit hinab.

Als die Leute aus Rheinbreitbach und Scheuren am anderen Tag über die Landstraße gingen, waren sie höchst erstaunt, als sie hinter der "Bröcken-Heck" weder die Burg noch eines der hübschen Häuschen von Berg erblicken konnten. Sie ahnten, was sich in der letzten Nacht ereignet hatte. Die Geschichte vom Untergang der Burg des hartherzigen Ritters und von der Flucht der Berger vor seiner Bosheit haben sie ihren Kindern stets dann erzählt, wenn sie es für nötig hielten, die Buben und Mädchen vor der Hartherzigkeit gegenüber dem notleidenden Nächsten und vor dem Übermut gegenüber den Schwachen und Elenden zu warnen. Auf diese Weise ist die Geschichte von dem teuflischen Kegelspiel des Ritters von Berg durch die vielen Jahrhunderte bis auf uns gekommen.


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