Heimatverein Rheinbreitbach e.V.Zustände und Erlebnisse in Rheinbreitbach zur Zeit der französischen Revolution

An einem herrlichen Spätsommertag des Jahres 1794 war der Rheinbreitbacher Schuster P.J. Westhofen in aller Herrgottsfrühe zu seinem Kartoffelacker aufgebrochen, den er in der Nähe des Galgenplatzes an der Uferböschung des Rheins angelegt hatte und der nicht weit von der Anlegestelle der Fähre entfernt lag, die zwischen Rheinbreitbach und Rolandseck verkehrte. In seine große Kiepe, die er auf dem Rücken trug, hatte er lediglich seine Hacke und seien bescheidene Tagesverpflegung hineingepackt. In kurzer Zeit war er von seinem kleinen Häuschen in der Vonsbach in die fruchtbare Rheinebene gelangt, in der die Weingärten und grünenden Felder im Schein der aufgehenden Sonne leuchteten.

Die Stille der Landschaft und der Friede des Morgens konnten den nachdenklich gewordenen Schuster nicht darüber hinweg täuschen, daß er in einer höchst unruhigen und von Kriegslärm erfüllten Welt lebte, seitdem die Franzosen im Jahr 1789 in Ihrem Land die Revolution ausgerufen hatten. Seine hastigen Schritte wurden noch von seinen eilenden Gedanken an Schnelligkeit übertroffen. Sie ließen vor seinem geistigen Auge noch einmal alle die aufsehenerregenden und zum Teil Furcht einflößenden und erschreckenden Nachrichten vorüberziehen, die er von seinem Freund, dem Fährmann, bei ihren Begegnungen am Galgenplatz in der Nähe der Anlegestelle über die Ereignisse in Frankreich und in den von den Revolutionstruppen eroberten Gebieten erhalten hatte.

Westhofen verglich seine Gedankenkette mit seinen Aufzeichnungen in der von ihm angelegten Familienchronik und kam mit berechtigtem Stolz zu dem Ergebnis, daß er als einer der wenigen des Lesens und Schreibens kundigen Dorfbewohner keine wichtige Mitteilung des Fährmanns oder anderer glaubwürdiger Personen unberücksichtigt gelassen und alle bedeutenden Eigenerlebnisse fein säuberlich aufgezeichnet hatte. Er war davon überzeugt, daß seine Chronik (1) dereinst einmal ein wichtiges Zeitdokument Rheinbreitbachs im Ausgang des 18. Jahrhundert sein werde, weil sie ausschließlich authentisches Material enthalte.

Die aufgezeichneten Berichte hatte er bereits so oft gelesen, daß e sie fast auswendig kannte. Es gingen ihm ihre Worte durch den Sinn: "Oftmals setzt der Fährmann französische Flüchtlinge über den Rhein, die wegen ihrer Königstreue oder ihrer katholischen Strenggläubigkeit von den Revolutionären verfolgt wurden und in dem Land rechts des Rheines Zuflucht vor ihren Verfolgern suchten. Zahlreiche Geistliche brachte er in Sicherheit. Sie trugen Zivilkleidung, weil die französische Regierung allen Priestern das Tragen von Soutanen und Ordenskleidern verboten hatte. Sie berichteten, daß der Staat die Kirchengüter an sich gerissen und die Geistlichen aufgefordert habe, der Revolutionsregierung den Treueid, der die Verpflichtung zum Kampf für Freiheit und Gleichheit in sich schließe, zu leisten. Da sich die meisten weigerten, wurden über 25.000 Priester des Landes verwiesen. Viele wanderten in die Gefängnisse. Im September des Jahres 1792 wurden mehr als 3000 königstreue Männer und eidweigernde Priester in Paris und in anderen Orten bestialisch ermordet. Im Januar des Jahres 1793 richteten die Revolutionäre den König, im Oktober die Königin mit dem Fallbeil hin. Aufstände gegen das republikanische Regime wurden blutig unterdrückt und Tausende von Franzosen hingerichtet, die nicht bereit waren, die Schreckensherrschaft des Diktators Robespierre zu unterstützen.

Im Sommer des vergangenen Jahres atmeten wir Rheinländer auf, als es dem Kaiser im Bunde mit den deutschen Fürsten gelang, die Franzosen zu besiegen und vom linken Rheinufer wieder zu vertreiben. Wie froh waren wir im ganzen kurkölnischen Land, als unser Fürst und Erzbischof wieder in sein befreites Land zurückkehren konnte, als der Sommer ins Land kehrte. Doch wie kurz war unsere große Freude. Bereits im Herbst des gleichen Jahres fielen die Städte Trier, Koblenz und Köln erneut in die Hände der Revolutionstruppen. Viele Einwohner der Länder am Rhein wagten es, unehrerbietig über ihre vertriebenen Fürsten zu sprechen und die Befreiung von den Feudallasten zu fordern. Der Pfarrer aber warnte die aufsässigen Untertanen und drohte jenen mit Höllenstrafen, die bereit seien, den Eid zu brechen, den sie einstmals ihrem Landesherrn geleistet hätten. Pastor Max Joseph Develich und der Vikar Johann Joseph Windeck haben in ihren Predigten die Treue zum Fürsten gefordert und durch die Darstellung der französischen Revolution nach den ihnen von Geflüchteten Geistlichen aus Frankreich gegebenen Berichten meine Eintragungen in die Chronik bestätigt."

Als der Schuster Westhofen am Rheinbreitbacher Maar, einer sumpfigen Niederung, vorbeischritt, die eine Ausdehnung von fast 14 Morgen besaß, wurde er von seiner gedanklichen Beschäftigung mit seiner Chronik und deren Eintragungen abgelenkt. Er sah mit großem Bedauern, daß die kaiserlichen Soldaten, die ihre Batterien am Rheinufer eingegraben hatten, eine stattliche Anzahl der von den Pannenbäckern Stephan Reifferscheid und Johann Vogel angepflanzten Weiden und Erlen abgeholzt hatten, um die Sicht auf das linke Rheinufer frei zu haben. Erfreut war er allerdings, als er feststellen konnte, daß der von den blankensteinischen Husaren zerstörte Pfannenschuppen wieder soweit ausgebessert worden war, daß er wieder für die Dachziegelei verwendet werden konnte. Dem Schuster Westhofen kam in den Sinn, was er über die zahlreichen Mißgeschicke , die in den vergangenen dreißig Jahren über die mit Erfolg und Gewinn betriebene Pfannenbäckerei seines Dorfes Rheinbreitbach hereingebrochen waren, in seiner Chronik vermerkt hatte. Darin stand verzeichnet, daß deren Gebäulichkeiten im Jahr 1756 durch ein Erdbeben zerstört wurden, daß sie nach Wiederherstellung durch einen Wolkenbruch im Jahr 1762 große Schäden erlitten, so daß der Pfannenschuppen zusammenstürzte und daß im Jahr 1784 das Hochwasser des Rheins den Brennofen samt dem Schuppen zugrunde gerichtet hatte.

Auch während seiner Arbeit auf dem Kartoffelacker, beim Häufeln der jungen, kräftigen Pflanzen, beschäftigte sich der Rheinbreitbacher Schuster in seinen Gedanken weiterhin mit den unruhigen Zeitläufen und mit der Not, die allenthalben Einzug gehalten hatte. Er erinnerte sich des Gesprächs, das er vor einigen Tagen mit dem Pächter der unteren Mühle, die freiadeliges Eigentum der Herren von Breitbach war, geführt hatte. Stein und Bein hatte er geklagt, weil der in der Burg lebende Mehlhändler einen großen Teil seiner Waren neuerdings vom Oberrhein beziehe und in Rheinbreitbach und dessen Umgegend verkaufe. Außerdem hatte er mit Betrübnis vermerkt, daß die Franzosen es nicht mehr zulassen, daß wie in den vergangenen Jahren die Bauern vom linken Rheinufer ihr Korn in Rheinbreitbach mahlen lassen. Schließlich hatte er es sehr bedauert, daß die Rheinbreitbacher so arm geworden waren, daß sie Kartoffeln unter das Mehl mischen würden, daraus sie ihr Brot backten. Während er früher zwei und in manchen Jahren sogar drei Esel habe halten müssen, um das "Gemahl" einzuholen, sei jetzt nur noch ein Tier erforderlich.

Pfarrkirche St. Maria Magdalena um 1930Schuster Westhofen erinnerte sich daran, daß er mit dem Pfarrer von Rheinbreitbach , Pastor M.J. Develich, über die hereingebrochene Notlage gesprochen hatte, als er für ihn in dem neben der Kirche liegenden und von ihm bewohnten Bachemschen Hause ein Paar neue Stiefel angefertigt hatte. Der Geistliche hatte darauf hingewiesen, daß die Zahl der Nottaufen infolge der Unterernährung der Bevölkerung auf über zehn im Jahr gestiegen sei.

Da Westhofen als Schuster nicht soviel verdienen konnte, um seine Familie zu ernähren, sah er sich genötigt, mit ca. 150 anderen Männern aus Rheinbreitbach, Bruchhausen und Linz sein Brot als Bergmann zu verdienen. .So war es möglich, aus eigener Erfahrung über die Entwicklung des Kupferbergbaus auf den Gruben Virneberg und im Siepen wichtige Eintragungen in seine Chronik zu machen. Da war zu verzeichnen, daß die Förderung am Ende des 18. Jahrhunderts im Rheinbreitbacher Kupferbergbau stark zurückgegangen war. Sie war im Laufe der letzten zwanzig Jahre von monatlich 64 auf 30 Zentner Garkupfer gesunken, obwohl man Raubbau betrieben hatte. Die Gruben waren schließlich dem Zusammenbruch preisgegeben. Das Garmachen des Kupfers stockte wegen des Mangels an Kohlen. Die Bergleute mußten oftmals lange Zeit auf ihren Lohn warten. So waren sie gezwungen, einmal ein Viertel Jahr, ein anderes Mal 40 Wochen und schließlich ein ganzes Jahr in Not und Elend zu leben, weil ihnen kein Geld zur Verfügung stand und sie nur auf die Früchte des Feldes, der Weingärten und der Erträge des Viehstalls angewiesen waren.

Als die Sonne hoch am Himmel stand und die Mittagszeit gekommen war, hatte der Rheinbreitbacher Schuster einen großen Teil seiner Tagesarbeit bewältigt. Er ging zu der an der Böschung hingestellten Kiepe, nahm sein kärgliches Mahl heraus, das aus Brot, Früchten und einem Stück Wurst bestand, und hob einen irdenen Krug, der mit Wein aus seinem Wingert am Abhang östlich der Leonharduskapelle gefüllt war, aus einer von ihm ausgegrabenen Vertiefung im weichen Erdboden seines Feldes, in der er trotz der Hitze des Tages recht kühl geblieben war. Dann ließ er sich im weichen Gras der Böschung nieder, um auszuruhen und sich für die Arbeit am Nachmittag zu stärken. Als er einen herzhaften Schluck des Rheinbreitbacher Weines nahm, erfreute er sich an seiner Würze und Fruchtigkeit. Mit Stolz dachte er daran, daß es ihm gelungen war, ein Faß seines Weines an die Gebrüder Rhodius in Mülheim zu verkaufen, das ca. ein Ohm (das sind ungefähr 137 l) enthielt und ihm 30 Taler einbrachte. "Im Höttchen" schenkte der Wirt den guten 1793er zu 30 Stüber das Liter aus.

Gerade wollte sich der Schuster nach seinem Mittagsmahl ein wenig im Gras zur Ruhe ausstrecken, da gewahrte er am jenseitigen Ufer den Fährmann, der zwei schwere Koffer zu seinem Boot trug, und einen Herrn, der ihm folgte. Er blieb aufrecht sitzen und beobachtete gespannt, zu welchem Ort auf der rechten Rheinseite der Kahn hingesteuert werden würde. Als er sah, daß der Fährmann auf die Anlegestelle am Galgenplatz zuhielt, war er hocherfreut, weil er nun hoffen konnte, seinen Freund wiederzutreffen und Gelegenheit zu haben, von ihm Neuigkeiten zu erfahren.. Es währte eine lange Zeit, bis der Kahn die Rheinbreitbacher Anlegestelle erreicht hatte, da ihn die Strömung auf die Inseln Nonnen- und Grafenwerth zugetrieben hatte, und der Fährmann Mühe hatte, ihn längs des rechten Ufers wieder stromaufwärts zu rudern, bis das Ziel erreicht war.

Schuster Westhofen stand am Ufer bereit, um beim Festmachen des Bootes zu helfen. Freudig begrüßten sich die beiden Freunde. Dann halfen sie beide dem Fahrgast, einem vornehm wirkenden Herrn, beim Aussteigen und trugen seine beiden Koffer die steile Böschung hinauf. Gerade wollte sich der Schuster wieder zu seinem Acker begeben, bat ihn der Fährmann darum, dem fremden Herrn die Koffer in das Dorf Rheinbreitbach zu tragen. Er erklärte ihm, daß er sich auf der Flucht befände und von den Strapazen seiner weiten Reise stark ermüdet und entkräftet sei. Westhofen, der ein hilfsbereiter Mann war, willigte sofort ein und verabschiedete sich, wenn auch mit großem Bedauern wegen des Verzichts auf eine ausgiebige Unterhaltung mit seinem Freund von der anderen Rheinseite.

Er entschloß sich, die Arbeit auf seinem Kartoffelacker zu beenden, Hacke und Weinkrug wieder in seiner Kiepe unterzubringen, um alsdann mit dem Fremdling zu seinem Dorf aufzubrechen und ihm sein Gepäck zu tragen. Der Fremde war darüber sehr erfreut und versuchte, ihm seinen Dank auszudrücken. Es gelang ihm zwar, doch lediglich durch ein Gemisch von deutschen und französischen Worten, durch ein "Kauderwelsch". Schuster Westhofen erfuhr auf dem Weg, daß sein Begleiter ein französischer Geistlicher war, der der Schreckensherrschaft des Wohlfahrtsausschusses entronnen war. Er wurde von ihm darum gebeten, in Rheinbreitbach ein Zimmer ausfindig zu machen, in dem er sich für längere Zeit verborgen halten könnte. Da bot ihm der gutherzige und mitleidige Schuster ein kleines Zimmer in seinem Haus in der Vonsbach an. Nun glaubte sich der flüchtige französische Geistliche in Sicherheit. Er hielt sich in Westhofens Haus verborgen und betrat aus Furcht vor französischen Häschern und deutschen Verrätern nicht die Straße. Seine Gebete verrichtete er in dem kleinen Garten des Schusters, der von hohen Mauern aus Bruchsteinen umgeben war, so daß niemand den Hof einzusehen vermochte.

Ein junger Tunichtgut des Dorfes, der für die Franzosen Spitzeldienste leistete, erfuhr eines Tages, daß der Schuster Westhofen einem gutgekleideten Herrn zwei Koffer durch die Felder auf das Dorf zu getragen habe. Da schöpfte er Verdacht und lauerte bei Tag und bei Nacht darauf, daß der Fremde aus dem Haus Westhofen heraustreten würde. Als sich seine Mühe als vergebens herausstellte, erklomm er eines Morgens die Gartenmauer und erblickte den betenden Priester. Er setzte zur linken Rheinseite über und verriet ihn den Franzosen, die ihm einen hohen Judaslohn zahlten.

Wenige Tage darauf erschienen zwei Reiter vor dem Haus des Schusters in der Vonsbach. Es waren französische Häscher, die von Westhofens Freund über den Rhein gesetzt worden waren. Sie pochten an die Tür des Hauses und riefen: "Sortez pretre! Retournez a France!" Es gab für den französischen Priester keine Rettung, denn an ein Entkommen war nicht zu denken. Er ging, ohne ein Wort zu sagen, zu seinem treuen Gastgeber und Helfer hin, drückte ihm dankbar und mit traurigem Blick die Hand und öffnete die Haustür. Da sprangen die Reiterleute von ihren Pferden herab, fesselten ihn an den Händen und banden ihn an den Schweif eines ihrer Pferde. Dann eilten sie in Richtung der Fähre von dannen und schleppten den verstörten und verängstigten Priester hinter sich her.

Der Schuster Westhofen hat zeit seines Lebens eine Messe für ihn in der Pfarrkirche zu Rheinbreitbach lesen lassen, weil er wußte, daß sein stiller, frommer Gast zwar seine Heimat wiedergesehen hat, doch nur zu dem Zweck, um unter dem Fallbeil wie so viele seiner Glaubensbrüder sein Leben opfern zu müssen.

(1) Das Original der "Westhofen-Chronik", vor einigen Jahren im Archiv des Heimatvereins, ist leider verlorengegangen. Jemand, der sachdienliche Hinweise über den möglichen Verbleib der Chronik machen kann oder Kenntnisse über eventuell vorhandene Abschriften dieses für die Rheinbreitbacher Geschichte wertvollen Dokumentes hat, wird höflich gebeten, mit dem Heimatverein Kontakt aufzunehmen.


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