Der Freischütz in
Rheinbreitbach
Zur Franzosenzeit, als die revolutionären Soldaten auch in den Dörfern und Städten auf der rechten Rheinseite die Freiheitsbäume aufzupflanzen versuchten, lebte in der Nähe von Rheinbreitbach ein gefürchteter Wilderer, der mit dem Teufel im Bunde stand.. Von ihm erhielt er für seine Pistole Freikugeln. Sechs von ihnen trafen mitten ins Ziel , selbst dann, wenn der Schütze in die Luft hinein schoß. Die siebte Freikugel gehörte dem Teufel. Wer von ihr getroffen wurde, mußte auf die ewige Seligkeit verzichten und für alle Zeiten mit der Hölle vorlieb nehmen. Den Wilderer, den man auch den Freischütz nannte, wollte niemand weder zu seinem Feind noch zu seinem Freund haben. Man mied seine Gesellschaft und man wich jeder Begegnung mit ihm aus.
Eines Tages begegnete er am Honnefer Graben einem französischen Reitersmann, der ihn aufforderte, ihm den Weg nach Rheinbreitbach zu zeigen. So sehr sich der Freischütz darum bemühte, dem französischen Soldaten durch Zeichen und die wenigen ihm geläufigen französischen Wörter die Richtung zu weisen, in der er reiten sollte, um in die Mitte des Dorfes zu gelangen, er hatte keinen Erfolg. Der Franzose verstand ihn nicht. Er wurde ärgerlich, packte den Freischütz bei seinem gestikulierenden Arm und zwang ihn, neben seinem Pferd einher zu gehen und rief: "Marchez a Rheinbreitbach! Allez! Allez!" Solange der Franzose sein Pferd in langsamem Schritt gehen ließ, fiel es dem Freischütz nicht schwer, Schritt zu halten. Als der Reiter aber eine schnellere Gangart anschlug, kam der begleitende Bursche in Schweiß. Schließlich begann das Pferd zu traben, so daß der Freischütz außer Atem kam und mit dem Gaul um die Wette schnaufte. Als er bemerkte, daß seine Kräfte zu Ende gingen, blieb er stehen und weigerte sich, noch einen Schritt weiter zu laufen. Da machte der Franzose große wütende Augen, zog seine Pistole aus dem Gürtel und legte auf den Freischütz an. Einige Einwohner aus Rheinbreitbach, die gerade vor dem Turm der Bauernburg am Eingang des Dorfes standen, wurden Zeuge der hitzigen Auseinandersetzung. Da sie den mit der Pistole drohenden Franzosen ebenso fürchteten wie dessen Opfer, den Freischütz, flüchteten sie, so schnell sie konnten, in ihre Häuser an der Vonsbach. Kaum hatten sie sich in Sicherheit gebracht und die Tür fest hinter sich zugeschlossen, da krachte ein fürchterlicher Schuß die Straße herauf , so daß sie sich bekreuzigten und trotz ihrer Abneigung gegen den Freischütz für dessen Seelenruhe ein Vaterunser beteten.
Der Freischütz aber stand aufrecht auf der Straße, als wenn nichts geschehen sei. Er lachte dem Franzosen ins Gesicht. Dann griff er unter sein Wams und holte die auf ihn abgefeuerte Kugel daraus hervor. Er riß das Hemd über seiner Brust auf und zeigte dem Pistolenschützen an, daß er nicht die kleinste Schramme durch seinen Schuß davongetragen hatte. Der Franzose starrte entsetzt und mit weit aufgerissenen Augen den Freischütz mit seiner Kugel in der Hand an. Dann murmelte er leise vor sich hin. "Mon Dieu! Mon Dieu!", riß sein Pferd herum und gab ihm die Sporen und ritt in wilder Hast durch das Dorf, so daß die Anwohner der Hauptstraße meinten, der "Gott-sei-bei-uns" rase hinter seiner armen Seele her, und ängstlich das Kreuzzeichen hinter ihren Fenstern schlugen.
Als sie so eine Weile wie angewurzelt gestanden hatten, sahen sie den Freischütz mit höhnischem Gesicht durch die Straße des Dorfes gehen, eine Kugel in der Hand. Als er an der Leonharduskapelle angelangt war, zog er seine Pistole aus dem Gürtel, lud sie mit einer seiner Freikugeln und schoß sie hinter dem Franzosen her, der mittlerweile bereits um die Kirche in Scheuren herumgeritten war und sich auf dem Weg nach Unkel befand. Dann kehrte der Freischütz wieder um und machte sich durch Rheinbreitbach wieder auf den Weg zu seinem einsam gelegenen Haus am Waldrand in der Nähe des Katzenlochs .
Kurze Zeit danach mußte der Pfarrer von Rheinbreitbach zu einer wichtigen Besprechung im Hause seines Unkeler Confraters aufbrechen. Er nahm den gleichen Weg, den der französische Soldat geritten war. Wie erstaunt war er, als er ein herrenloses Pferd auf der Wiese zwischen Scheuren und Unkel umherlaufen sah. Zu seiner Verwunderung gesellte sich ein heftiger Schrecken, als er kurz hinter der Scheurener Kirche im Straßengraben den toten, von einer Kugel getroffenen französischen Reiter liegen sah. Er sorgte für sein christliches Begräbnis und für die Unterkunft und Pflege seines Pferdes.
Die Kunde von dem Tod des französischen Reitersmanns durch eine Kugel des Freischützes verbreitete sich schnell über Rheinbreitbach hinaus. Nicht nur am Rhein, sondern weit in den Westerwald hinein erzählte man von den Untaten des geheimnisvollen Mannes mit den vom Teufel erhaltenen Freikugeln. Ein jedermann fürchtete sich davor, von seiner siebten Kugel getroffen zu werden und dadurch eine sichere Beute des Satans zu sein.