Heimatverein Rheinbreitbach e.V.Hannes auf Wallfahrt

Von J. Altmann
(Heimatkalender Kreis Neuwied, 1929)

In Asbach ist Kontrollversammlung. In vier Gliedern steht die wehrpflichtige Mannschaft fein ausgerichtet auf dem Marktplatz, und mit dröhnender Stimme verliest der Herr Feldwebel die Kriegsartikel. Die sind nichts Neues. Man hat sie vor kurzer Zeit noch alle zehn Tage gehört, ehe dann zur Belohnung für treues Ausharren der fürstliche Lohn von 22 Pfg. pro Tag, der Gefreite als Inhaber des "höchsten Gemeinheitsgrades" erhielt 5 Pfg. mehr, ausgezahlt wurde. Man hörte drum nur mit halbem Ohr hin. Der Herr Oberst tritt nun näher. Er ist hold und leutselig. Bei der vor der Mannschaftsfront aufgestellten Unteroffizierschar hält er an und erkundigt sich von Mann zu Mann nach Namen, Wohnort, Stand, usw. Bei Nr. 2 hat er vielleicht schon wieder vergessen, was Nr. 1 gesagt hat. – Aber es macht sich gut. – Und nun ein dreifaches "Hurra!" und "Wegtreten!". Für ein halbes Jahr ist wieder einmal die Pflicht getan.

Und nun kommt Leben in die Schar. Frohe Zurufe; alte Kameraden finden sich, und nach alter Teutonenweise lenken die Füße wie von selbst zum Wirtshaus. Einladend mit festgefrorenem Wirtelächeln steht der Diepenseifers Jupp schon in der Haustür. Jeden Gast begrüßt er mit Vornamen, das gibt der Sache so einen familiären Anstrich – und es macht sich gut. An einem der langen Tische sitzt eine muntere Gesellschaft von der jüngsten Reserve. Drei Jahre sind’s her, daß sie allesamt einrückten beim 29. Inf.-Reg. von Horn im gemütlichen Trier. Erst im vorigen Herbst sind sie entlassen worden, und die Dienstzeit, das bisher größte Erlebnis in ihrem Dasein, beherrscht noch Sinn und Wort. Noch einmal werden die kleinen Ereignisse wiedererzählt, noch einmal freut man sich, wie man so dreist und gottesfürchtig – log? – nein, die Wahrheit bog und hart an der schmalen Klippe der "drei Tage" vorbeisegelte. Noch einmal wird der antialkohole Hauptmann "Lustig" heraufbeschworen, der seinem edlen Schlachtroß drei Tage Arrest verhängte, die der Gaul bei verhängten Stallfenstern, Kommißbrot und Wasser verbüßen mußte, während mittlerweile der Hauptmann zu Fuß ging. Inbrünstig werden noch einmal die "Spinner" dauernder Freundschaft und liebevollen Gedenkens versichert. Dann ist das Thema erschöpft, und man wendet sich der zivilen Gegenwart zu. Die stärksten Triebkräfte im Menschen sollen sein: der Hunger und die Liebe. Vom Hunger wissen die derben Bauernjungen nichts, und Liebessehnen stillt man auf dem Westerwald nicht mit Mondanschwärmen, Sammeln von Veilchensträußchen und ähnlichem sentimentalen Liebesheu. Nein, man pürscht die Kirmesfestlichkeiten der ganzen Gegend und Umgegend ab, tanzt, daß der Staub wirbelt und schaut sich um unter den Töchtern des Landes. Wenn dann Acker und Wiesen, Vieh und Hof entsprechend sind, dann findet sich auch Herz zu Herz. – So dreht sich dann die Unterhaltung um die Kirmessen des vergangenen Sommers. Eigene Erlebnisse werden erzählt, wie der Vater einen schon längst im Bett glaubte, der noch stundenweit weg Walzer drehte, wie man dann im Morgengrauen zur Hintertür hereinschlich und in der Scheune in die schon vorsorglich vor dem Ausrücken zurechtgelegten Werktagskleider schlüpfte, und, als man das Familienoberhaupt kommen hörte, sehr beschäftigt tat, so daß es mit Vaterstolz auf den tüchtigen Sohn sah, der am Montagmorgen schon solche Arbeitswut entwickelte, worauf der Vater als Lohn für die edle Tat am nächsten Sonntag ein paar Mark mehr aus der Schweinsblase herausfischte. Beobachtungen werden mitgeteilt, daß der Pitter von Schweifeld mit dem Liß von Buchholz geht, daß die Trina von St. Katharinen den Willem von Lorscheid nicht will, weil er ein gar so großer Schmisser ist usw..

Nur ein ausgewachsener Bursch hört schweigend zu. "Hannes du sagst ja gar nix. Dich hab’ ich auch den ganzen Sommer auf keiner Kirmes gesehen. Was ist los mit dir, du warst doch in Trier so lustig?" fragt sein Gegenüber. Hannes‘ Nachbar lacht: "Ja, wißt ihr denn nit, daß der Hannes seit vor Advent verheiratet ist?" – "Was, der Hannes?" - "Verheiratet!" – "Mensch, kohl nit!" – "Pitter, dir ist wohl das Bier zu stark!" – So schwirren die Ausrufe durcheinander. Hannes schweigt. "Fragt ihn doch selbst!" meint Pitter. Ein Dutzend fragender Blicke heischen von Hannes Bestätigung. Er nickt. "Du armer Kerl", sagt tieferschüttert der erste Frager. Nun wird auch Hannes munter: "Ich bin doch besser dran als ihr; ihr müßt doch jetzt noch immer mühsam suchen, was ich schon gefunden habe." Entrüstete Proteste! Sie halten alle vorläufig das Suchen für amüsanter als das Finden. "Deshalb warst du auch nirgends, wo etwas los war," meint der Willem. "Ich hatt‘ die Lust nit dazu." "Und die Gret‘ die Bux;" ergänzt sein Dorfgenosse Pitter. "Das mußt du nur nit denken! Schad‘, daß die Kirmessen all’ vorbei sind, sonst würd‘ ich euch noch einmal beweisen, wer Herr im Hause ist." "O," meint treuherzig der Willem, während ihm der Schalk aus den Augen blitzt, "eine ist noch übrig, eine der schönsten, die Rheinbreitbacher Leonharduskirmes." Das ist zu weit, da läuft man schon auf dem Hinweg ein Paar Sohlen durch," sagt merklich aufgeregt der Hannes. "Hannes, denk‘ dran, wieviel weiter wir sonst schon gelaufen sind," so der Pitter. "Er hat die Courage nit!" jubelt’s im Chor. Hannes ist bereits am fünften Glas, und das stärkt ihm den Mut." Ihr sollt sehen, daß der Hannes keine Angst vor der Gret hat. Ich gehe mit! Am Sonntag in acht Tagen halten wir in Rheinbreitbach Kirmes!" "Bravo, Hannes, morgens um acht sind wir am Weg von der Chaussee nach "Auge Gottes"."

Hannes geht heim. Die kühle Nachtluft vertreibt die neckischen kleinen Geister unter seinem Schädeldache. Und "Donnerkiel, wat han ich versproch‘!" entquillt es dem Gehege seiner Zähne. "die Gret, o weh die Gret!" Und an seinem Geist zieht die Zeit seines Eheglücks vorbei. – Früh war die Mutter gestorben, und mit Mägden hatte der Vater weitergewirtschaftet, so gut und schlecht es ging, und schon, als der Hannes zum Kommiß kam, sagte er ihm: "Wie die Zeit um ist, wird geheiratet, daß endlich eigene Leute ins Haus kommen." Während Hannes die Geheimnisse des langsamen Schritts erforschte, erforschte sein besorgter Vater die Bauerntöchter, die für seinen Jungen in Betracht kamen. Und an der Gret blieben seine Blicke haften; d.h. die Gret persönlich wurde von ihm nur soweit ins Auge genommen, als ihre Existenz festgestellt wurde. Die Hauptsache war das Drum und Dran. Und das war selten günstig. An vielen Stellen der Gemarkung lagen die Äcker ihres Vaters direkt neben seinen, wie schön ließ sich da der Besitz abrunden. Die schönsten Ochsen hatte der zukünftige Schwiegervater im Stall. Und groß, ja wahrhaftig gigantisch erhob sich der – Misthaufen, der Stolz des Bauern. – Hannesvater suchte so recht treu und bieder mit Gretevater zusammen zu kommen. Vom Wetter wurde gesprochen und von Maulwürfen und Erdflöhen und nur ganz beiläufig der Hannes erwähnt und, daß er zur Kirmes in Urlaub käme. Und als grad' die Gret vorbeiging, meinte der Alte: "Gretche, dat wär en Kirmesjung für dich." Da merkte Gretevater, was los war, und da auch ihm der Hannes und vor allem sein Besitz anstand, kam er etwas entgegen: "Warum nit, der Hannes is en ansehnlicher Jung‘." Und so kam der schönste Handel zustande. Als der Musketier auf Urlaub kam, da war er schon so gut wie versorgt. Er tanzte mit Gretchen, und als er nach vier Monaten die Reservemütze recht schief auf sein borstiges Haupt drückte, da war er Bräutigam und die Gret war Braut, ohne daß sie gebangt und geseufzt in Liebessehnen, ja kaum, daß sie gefragt worden waren. In der nächsten Woche ging’s zum Notar, zum Bürgermeister und zum Pfarrer, und nach vier Wochen war der Hannes Ehemann. So geht’s allemal auf dem Land, und meist geht’s gut. Die Gemeinsamkeit der Interessen, die gemeinsame Arbeit und der gemeinsame Trieb, voranzukommen, wirken nachhaltiger als Liebesflackerfeuer. Es wäre auch stillos, wenn die Grete ihrem Hannes nach Jahr und Tag über Kartoffelkarst oder Heurechen hinweg eine Szene machen wollte, weil seine Gefühle für sie erkaltet seien. Dann stünde der Hannes so verständnislos, als wenn seine Ochsen lyrische Gedichte machten. Dann ließ er sogar für die Gret den Arzt rufen, während ihm sonst für alle Gebrechen Kamillentee ausreicht, aber d i e Krankheit ginge über Kamillenkraft.

Grete war ein Urbild ländlicher Kraft, schaffig und rassig, frisch wie ein Westerwälder Holzapfel, aber auch mit Holzapfelschärfe. Als einziges Töchterlein und jüngstes Kind hatte sie gar früh verstanden, ihren Willen durchzusetzen, und hatte bald das Elternhaus regiert. Der einzige Bruder schlug ein großes Kreuz hinter ihr, als sie als glückliche Braut ins neue Heim übersiedelte. Gret aber hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Rudolf von Habsburg:

Das, was ich als Mädel gepflegt und getan,
Nicht will ich’s als Hausfrau entbehren.

Bald hatte sie die Zügel in Händen, und die etwas verlotterte Männerwirtschaft, die doch so gemütlich war, bekam ein anderes Gesicht. Auch in Küche und Stall sah sie nach dem Rechten. Am ersten fügte sich der Alte, der sah, wie das Hauswesen gedieh. Hannes aber wollte bei alten Sitten und Gebräuchen bleiben. Aber als er zum ersten und einzigen Mal nach Mitternacht aus dem Wirtshaus kam, da blies ihm Grete den Marsch und las ihm die Kriegsartikel vor, noch schmetternder als der Feldwebel der 1. Komp. 29. Unwillkürlich nahm er die Hacken zusammen und sagte nur immer. "Zu Befehl!" Wie Bayern im Ehebunde des Deutschen Reiches, verlangte Gret Reservatrechte. Alles soll Hannes mit ihr besitzen: sein und ihr Vermögen, Haus und Stall; nur drei Dinge will Gret für sich allein: die Kasse, den Hausschlüssel und das letzte Wort. Danach wurde nun verfahren. Und da Hannes noch die militärgewohnte Subordination in Herz und Gliedern saß, schien ihm bald seine Ehe nur ein verlängerter Kommißdienst, er selbst kam sich vor als Kapitulant, der mit 12 Jahren den Zivilversorgungsschein erhält. Aber während dieser den stattlichen Lohn von 4 Mk. pro Dekade erhielt, mußte er um jede Mark betteln. Denn die Kasse gehörte ja – siehe obiges Abkommen – Gret, und eine Ochsen konnte er sich doch nicht als Zehrgeld in die Tasche stecken.

Das alles geht dem Hannes durch den Kopf auf dem stillen Heimweg, und die friedsame Herbstruhe der Landschaft ist ein gewaltiger Gegensatz gegen den Sturm in seinem Schädel. Er hat Angst vor seiner eigenen Waghalsigkeit; doch sein Wort muß er halten, sonst gilt er für alle Zeiten als trauriger Pantoffelheld. Wie nur der Gret die Sache beibringen? Auf geradem Wege geht’s nicht! Aber wie hat doch der Leutnant immer instruiert: "Die Absichten des Gegners sind zu erkunden, der Feind ist bezüglich des eigenen Vorhabens zu täuschen." Aber wie?? Der Schweiß bricht ihm aus über’m ungewohnten Denken. Doch da geht ihm ein Licht auf, groß wie eine Feuersbrunst. Er hat den Plan und ist stolz darauf, ordentlich als Miniaturmoltke fühlt er sich. In Rheinbreitbach ist an diesem Tage von weit und breit die Wallfahrt zum hl. Leonhardus. Sagen wir also kein Wort von Kirmes, gehen wir nur wallfahrten. Es braucht nicht einmal gekohlt zu sein. Solange Wallfahrt ist, ist doch keine Kirmes, man kann beides verbinden, wenn auch die Prozentsätze innerer Anteilnahme in verzweifeltem Mißverhältnis stehen werden.

Die Tage rinnen. Hannes arbeitet für zwei, alles tut er, was nur möglich, um Gretes Augen ein Wohlgefallen zu sein. Er hat gar keine eigenen Ansichten mehr: "Gretchen (sonst sagt er Gret), was meinst du? Gretchen, was soll ich jetzt tun? Gretchen, du weißt alles am besten." Nun ist’s erreicht, denkt die Gret. Er ist mürb wie ein Apfel vom Vorjahr zu Pfingsten. – Der Samstag kommt. Die Arbeit ist getan. Hannes trennt sich von seinen behaglich Heu schrotenden Ochsen, oft war es ihm in deren Gesellschaft im letzten Jahr am behaglichsten, und geht in die Stube. Immer noch zögert er, immer tiefer sinkt ihm das Herz, ein Glück, daß er auf dem Stuhl sitzt, so muß es doch irgendwo Halt machen im Herabrutschen. Endlich, mit dem Mut der Verzweiflung, stößt er heraus: "Gretchen, was meinst du, wenn ich morgen nach Breitbach wallfahrten ging?" Gret ist mehr als erstaunt. Der Alte im Lehnstuhl hinterm Ofen hört mit Rauchen auf. "Wallfahrten? Warum dann?" "Ja, siehst du, Gretchen, ich hab’s nun mal versprochen (wem, sagt er nicht). Ich bin doch gut durch die Kommißzeit gekommen und dann – hab' ich doch im letzten Jahr dich gekriegt, und ich meine - -und - - ich hatte gemeint - - wenn’s dir recht wär‘ - - dann müßte man - - ´s ist dir doch recht?" "Wenn er’s versprochen hat, muß er gehen," dekretiert Hannesvater hinterm Ofen. Gret überlegt, aber da ihr Besitz ein so großes Glück ist, daß man darum den Heiligen danken will, und da die letzten zehn Tage bewiesen haben, daß seine Erziehung in ihrem Sinne vollendet ist, wird sie weich. "No dann , meinetwegen. Geld brauchst du nit viel auszugeben. Ich packe dir den Rucksack, und in der "Post" in Breitbach gibt’s für 20 Pfg. einen Teller Supp‘. So, da hast du noch eine Mark. Und jetzt geh‘ ins Bett, daß du morgen früh ausgeschlafen bist." Glückselig geht Hannes. Für Geld hat er gesorgt. Als letzte Woche der Haferhändler da war, hat er sich um zwei Säcke verzählt beim Aufladen, aber nicht beim Einkassieren. In der Scheune hat er sein heimliches Versteck. Wie ein Kind vor der Christbescherung weiß er kaum Schlaf zu finden.

Sonntagmorgen. Der erste am Sammelplatz ist Hannes. Schon eine Stunde früher als nötig ist er fortgegangen aus purer Angst, seitens der obersten Leitung könne ein Widerruf erfolgen. Trotz nässenden Novembernebels ist ihm urbehaglich zu Mute. Gegenüber dem Wegeeingang steht eine Bank. Nun wird erst einmal gefrühstückt. Gut hat die Gret gesorgt. Ein halbes Brot liegt im Rucksack. In der Mitte ist der weiche Brösel herausgenommen und die Öffnung mit Butter gefüllt. Ein ordentliches Stück Schwartemagen von der letzten Winterschlachtung ruht friedlich daneben. Hannes zieht das Taschenmesser heraus und beginnt eifrig zu schneiden und zu kauen. Der Schwartemagen war auf lange Dauer berechnet und darum ordentlich gesalzen und gepfeffert. Sommerwärme hatte ihm die letzte Feuchtigkeit entzogen, dadurch war er nicht milder geworden. Aber Hannes schmeckt’s. – Kaum ist er fertig und hat das Messer zugeklappt, da hört er die Kameraden kommen. Sie singen das gehaltvolle Lied: Reserve hat Frieden, Reserve hat Ruh – worin zum Schluß tiefsinnig versichert wird, daß, wenn die Tatsache besteht, sie auch vorhanden ist. – "Er ist da!" "Wahrhaftig, der Hannes!" "Er ist doch noch Herr im Haus!" so fliegen die Ausrufe zu ihm hin. Bescheidenheit ziert den Großen! Hannes sagt nichts, nimmt aber einen großen Zug aus der dargereichten Flasche. Und nun geht’s weiter. Vorbei an "Auge Gottes", vorbei am Virneberg mit seinen uralten Kupferhalden. In einer Stunde ist Rheinbreitbach erreicht. Zu diesem schnellen Erfolg hatte wohl das Ermunterungswasser aus der bekannten Flasche etwas beigetragen. Aus Dankbarkeit trinkt man noch den Rest und überläßt die Flasche treulos ihrem Schicksal. Bei letzter Rast greift Hannes noch einmal ordentlich zum Schwartemagen. Es scheint ihm jetzt doch, daß er etwas salzig ist.

Die Leonharduskapelle (1998)In Rheinbreitbach hat sich gerade die Prozession von der Pfarrkirche zur Leonharduskapelle in Bewegung gesetzt. Die Gesellschaft reiht sich ein. Hannes gibt mit dem Schwartemagenrucksack eine gute Figur ab, sein angeschwitztes Antlitz glänzt ferkelrosig, und, da er den Hut abnimmt, zeigt sich, daß er, um ganz schön zu sein, seine Locken, um die ihn ein Igel beneiden könnte, hübsch ordentlich und gründlich mit Schweineschmalz gesalbt hat. Es trieft nur so. – Über der Tür des kleinen Gotteshauses steht die Holzfigur St. Leonhards, wie ihn die Legende kennt, von kindlich-gläubigen Dorfkünstlern dargestellt, der Kettenlöser mit eisernen Fesseln an beiden Händen. Er scheint zu lächeln, wie er den Hannes sieht, weiß er doch aus Lebenserfahrung, wie ein Erlöster sich seiner Freiheit freut. Der kleine Raum ist angefüllt bis in den letzten Winkel, aber Hannes weiß sich noch hinein zu pressen. Andächtig beschaut er sich die Reliquie, die heute auf dem Altar steht, die alten Bilder an den Wänden. Und als der Pater davon spricht, daß es noch schwerere Fesseln gibt als eiserne, nickt er beifällig. Es stört ihn auch nicht, daß jetzt nicht von der Gret gesprochen wird, sondern von Sünden- und Lasterketten, gegen den sich des Menschen Wille sträuben muß von Jugend an, da er ein anderes Gesetz in seinen Gliedern fühlt, das dem Willen des Geistes nicht gehorchen will. – Der Gottesdienst ist aus. Die Menschenwelle trägt den Hannes auf die Straße. Die Suppe in der "Post" hat er nicht vergessen. Und nach dem Grundsatz, daß die erste Suppe die beste ist, eilt er, sich seines Tellers zu versichern. Es soll nämlich vorkommen, daß ein Wallfahrts-Suppenkessel unerschöpflich ist, gleich dem Krug der Witwe von Sarepta. Ob da auch ein Wunder geschieht? Der Teller ist leer, die noch vorhandenen Magenlücken stopft der Schwartemagen. Aber nun regt sich unbändiger Durst. 1, 2, 3, 4, 5 Glas Bier sind im Handumdrehen verschwunden. Es wird ihm immer behaglicher. In immer weitere Ferne rückt die Gret.

Draußen auf dem Kirchplatz nimmt man die grauen Tücher von der verhüllten Herrlichkeit. Drehorgeln aller Formate beginnen den Reigen. Karussell-Glocken ertönen. Schon haben die Kinder die ersten Einkäufe in Trompetchen und furchtbar schreienden Gummipfeifen gemacht. Ein "echter" Türke, aus Beuel gebürtig, preist die Vorzüglichkeit seines Türkenhonigs: "Lecker, lecker, lecker, for Husti und Brusti, for die Gesundi." Ein eben so echter Tiroler gleicher Herkunft mahnt dringend den Winterbedarf in echtem Alpenkräuter-Magenbrot zu decken. "Meine Herren, bitte schießen sie mal!" kommt’s von rechts. "Jedes Los 10 Pfg.", schallt’s von links.

Das muß der Hannes sehen, hören, mit allen Sinnen aufnehmen. Den Rucksack aufgehalftert, tritt er hinaus auf die Straße. Gleich an der Ecke bleibt sein Blick haften. An einer Stange ist ein Bild, ein ganzer Bilderzyklus, zu sehen. Ein Mann mit einem Stock zeigt und erklärt die furchtbare Mordgeschichte. Sie ist auch in Reime gefaßt. Und nach beendeter Erklärung greift er zur Drehorgel, und mit einer dicken Frau zusammen singt er in grauslichen Tönen das herrliche Lied:

"Höret Leut‘, die Mordgeschicht‘,
die sich zugetragen hat,
wie ein Mensch, ein grauer Sünder,
seine Frau und auch sechs Kinder
umgebracht und dazu noch laut gelacht..."

Hannes würgt einen Groschen aus der Tasche und macht seinen ersten Einkauf. Das wunderbare Lied muß er der Gret mitbringen. Man hat doch auch etwas übrig für Bildung. Einen Groschen riskiert er an der Verlosungsbude und gewinnt eine wunderbare Nippfigur mit nur einem Sprung. "Die Gret kann sich freuen", denkt Hannes; wenn er so mit wertvollen Geschenken einrückt, darf er wohl noch öfter gehen. Gerade ist er am Überlegen, ob er noch einmal Fortuna versuchen soll, da klopft ihm einer auf die Schulter: "Mensch, wo bleibst du? Wir sitzen schon zwei Stunden in der Heckenwirtschaft gleich an der Eck‘. Für 1 Mark kannst du saufen, solange du willst. Wir geh’n heut nit mehr dort raus." "Pitter, da geh ich mit", und eilig wendet sich der Hannes.

Vom gemütlichen alten Fachwerkhaus an der Ecke weht ein uraltes, jedem Weintrinker heiliges Zeichen: ein mächtiger Strauß, ein grüner Kranz, und das bedeutet: hier verzapft ein Winzer sein eigenes Gewächs. – Damals spannen in Rheinbreitbach die Reben noch ihre grünen Ranken vom Berg zum Rhein. Und gerade in diesem Jahr war der Wein gar wohl geraten. Pankraz und Servaz und Urban der Schlimme hatten im Mai ihren Urlaub, und die "Eisheiligen" fielen aus. Mit tausendfältigem Rosenduft erfüllte die Traubenblüte das Tal. Am Tage umkosten den Weinstock heiße Strahlen und glühende Lüfte. In den Mondscheinnächten aber regte sich geheimnisvolles Leben. An den Wurzeln da arbeiteten fleißige Erdmännlein und aus den Goldadern der Berge, da leiteten sie köstliche Säfte hinein. Und von Nebelschleiern umwogt, schwebten die Nixen heran und brachten in weißen Händen das Wasser des hl. Rheines und badeten die Träubchen, daß morgens die hellen Tropfen daran glänzten. Den Rosenkelchen entwanden sich schlanke Elfen und hauchten den Blumenduft in die schwellenden Beeren. Und ein Segen quoll aus Höhe und Tiefe, ein Wein gedieh,

Daß Noah, der Alte, tät schrei’n:
"Ach könnt‘ ich auf Erden nur sein".

Als aber der Gottessegen in gangbare Münze verwandelt werden sollte, da schwand alle Poesie. Mit dem Preis, den der Weinhändler bot, konnte der Winzer nicht leben. Und gar mancher Winzer stellte sich um und wurde Wirt. Und ein guter Nachbar half dem anderen den Wein trinken für billig Geld, und als man im Dorf die Reihe gehalten, war jeder seinen Wein los und hatte - - doch kein Geld.

Jetzt um die Zeit der Leonharduskirmes war der Wein im Gären, in dem Stadium, das Fachleute "Federweißen" nennen, ein heimtückisches Getränk. Aus dunklem Rebenblute steigen zahllose weiße Bläschen auf, wie eine Milchstraße wogt’s darin, ein feines Summen und Sirren wie neckisches Nixenlachen tönt daraus.-

Hannes kalkuliert, je mehr du trinkst, um so billiger wird der Schoppen. Prr, der erste Schluck schmeckt gar herb. "Der wird immer süßer, je mehr man trinkt", erklären ihm die anderen mit schon hochroten Köpfen. Hannes eilt sich, nimmt große Schlücke, um nur bald die Süßigkeit zu kosten. An den Nachbartischen sitzen weingrüne Rheinländer. Mit diabolischem Grinsen warten sie der Dinge, die da kommen müssen. Der Wirt weiß, daß er auf seine Rechnung kommt. Denn in diesem Getränk ist dem Sterblichen eine Grenze gesetzt, die er ungestraft nicht überschreitet. – Immer fideler wird die Gesellschaft. Schon reden alle durcheinander. Und "Prosit"!" ist noch das einzige klare Wort, das hervorschallt. – Hannes ist mittlerweile bei der Süßigkeit angelangt. Wie friedliches Abendrot legt es sich um sein borstiges Haupt. Er beginnt zu singen:

"Höret, Leut‘, die Mordgeschicht..."

Einem der anderen fällt es ein, daß doch auf der Kirmes auch getanzt wird. In der Absicht, den Tanzboden aufzusuchen, will er sich erheben und fällt gleich wieder zurück. Ganz dumm guckt der um sich. Hannes lacht – lacht – lacht! Er kommt gar nicht zu sich vor Lachen! Immer lächerlicher kommt es ihm vor. Aber wie er sich erheben will, geht’s ihm auch so. Egal, er muß lachen. Er fühlt jetzt ein anderes Gesetz in seinen Gliedern, das dem Willen des Geistes nicht gehorcht. Aber lachen muß man. Pitter rutscht allmählich unter den Tisch. Willem hat sein müdes Haupt auf der Platte liegen. Ganz still geworden ist’s. Nur Hannes lacht noch ein Weilchen, dann ruht er auch, und nur ganz verschwommen entringt es sich ihm:

"Umgebracht und dazu noch laut gelacht".

Draußen hat sich der frühe Abend herabgesenkt. Mit breitem Lächeln guckt der Mond in das Gewimmel. Hannes und seine Kumpanei sind mit harter Arbeit und mit viel kaltem Wasser wieder einigermaßen wach geworden. Draußen vor der Türe, da häkelt man sie zusammen, Arm in Arm. Rutscht nun der eine nach rechts, der andere nach links, dann müssen sich beide Kräfte aufheben, und sie bleiben im Lot. Kritisch wird’s, wenn beide dieselbe Seite suchen, dann wird die Kraft verdoppelt. – Über den Kirchplatz schwankt der Zug durch die hellerleuchtete Budengasse. Hannes hat nur einen Gesamteindruck, alle Einzelbilder fließen zusammen. Er hört die Freude der Ortsbewohner an der munteren Schar nur im Unterbewußtsein. Im dunklen Drange ist man sich doch des rechten Weges wohl bewußt: Marschrichtung Virneberg. Aber saß der böse Geist zuerst nur in den Beinen, jetzt kriecht er immer höher. Immer mehr umflort sich der Blick, immer mehr Windungen hat die Straße, die morgens noch nicht da waren. Sogar Gräben sind im Laufe des Tages quer über den Weg entstanden, und merkwürdigerweise immer dort, wo der Mond hinter einem Baum steht. Da muß man auch noch springen! Und bald rechts, bald links verschwindet einer nach dem andern nach dem Sprunge und bleibt, innig an Mutter Erde gedrückt, liegen. Auch Hannes sucht Ruhe. Klack, macht die Nippfigur! Der Sprung schadet ihr jetzt nicht mehr.

Eine Stunde später! Ein fester Tritt kommt über die Straße. Wierichs Andres geht von der Kirmes heim. Er wohnt einsam am Virneberg. Da hört er bald rechts, bald links wohllautendes Schnarchen. Er nickt sachverständig. So war’s in jedem Jahr. Und wie in jedem Jahr übt er ein großes Werk der Barmherzigkeit. Er geht heim, er zieht den Sonntagsrock aus. Im Schuppen steht die "Schürreskaar". Andres spuckt in die Hände. Und nun geht’s los! Einen nach dem andern lädt er auf und fährt ihn im Schweiß seines Angesichts und keuchend nach dem Virneberg. Dort stand noch die ehemalige Förderhalle. Oben angekommen, macht Andres die bekannte Bewegung: beide Holmen angehoben, dann nach links gekippt, und sauber und fein ausgerichtet liegen sie nebeneinander. Stunden dauert’s, bis der letzte ter Dach ist. Der treue Helfer schneidet sich einen Priem ab und schaut stolz wie ein fürstlicher Jagdherr früherer Zeit auf seine "Strecke".

Am anderen Morgen! Die nächtlichen Gäste sind verschwunden. Nur ein Rucksack mit Schwartemagenresten und den Scherben einer Nippfigur ist dageblieben. Andres schmunzelt.

Sollen wir erzählen, wie Gret das entartete Objekt ihre Erziehungskunst empfing? Breiten wir mitleidig lieber einen Schleier darüber. – Nur soviel sei noch gesagt: Hannes war fortan ein schlechter Christ, denn er sprach in seinem Leben nie wieder von Wallfahrten und Wallfahrtsabsichten.


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