Heimatverein Rheinbreitbach e.V.Der edle Herr Hans von Breitbach und seine Kumpanei

Von J. Altmann
(Heimatjahrbuch des Landkreises Neuwied, 1930)

Es war Maienzeit! Mondschein überflutete die stillen Häupter der sieben Berge, zarte weiße Nebel wogten vom Rhein herauf. Im Buschwerk über dem Breitbach schluchzte die Nachtigall, und noch einer schluchzte mit. Den trieb aber nicht Frühlingslust und Daseinswonne, den bewegten ganz andere Gefühle – doch nicht weniger lebhaft waren deren Äußerungen als die des stimmbegabten Vögleins.

Den steilen Weg vom Virneberg herab traben zwei Rosse. Dumpf hallen die Eisenhufe auf dem moosigen Waldweg. Jetzt kommen sie aus dem Schatten des Hohlweges in den hellen Mondschein. Bei dem ersten Tiere geht ein Mann in Eisenkappe und Lederkoller. Auf der Brust blinkt eine Stahlplatte. Die eine Hand hält den Zügel, die andere trägt die Lanze. Am Sattel des ersten Tieres ist das zweite angekoppelt und muß so dem Genossen folgen. Woher aber kommen die Weh- und Klagelaute, und wen redet der reisige Mann nun an: "Laßt’s gut sein, Junker Hans, der Buckel heilt und auch was sonst in der Umgegend liegt. Ihr seid doch glücklich durchgekommen, und wir tränken’s den Linzer Pfeffersäcken schon wieder ein!" Da rührt’s sich auf dem ersten Rosse. Verquollen tönt’s hervor: "Halt’s Maul ,Konz, oder ich schlage dir den Buckel noch blauer, als meiner ist!" "Die Farbe kriegt er erst morgen", meint Konz auf die rauhe, aber herzliche Anrede, "heut’ ist er erst schön rot und dann ändert’s sich von Tag zu Tag: blau, schwarz, grün, gelb, s ist spaßhaft zu sehen. Ja, die Gerber und Schmiede und Metzger im Städtchen kennen ihr Handwerk." "Halt‘s Maul, oder....!" Und auf dem Sattel regt sich etwas. Für kurze Zeit taucht ein noch jugendliches blondbehaartes Haupt auf. Dann versinkt es wieder. Jetzt hebt sich von der hellen Felswand an der rechten Seite des Weges die Gruppe deutlich ab. Der edle Junker Hans liegt quer über dem Sattel, rechts hängt sein adeliges Haupt, links baumeln die ritterlichen Beine, und die rückwärtige Körpermitte ist anklagend dem Monde zugewandt. Am Sattelkopf klappern Helm und Ritterschwert. Es war auch damals nicht modisch, so zu reiten, und als am vorigen Mittag Junker Hans fort ritt, saß er stolz zu Rosse, wie es heute noch Brauch ist. Aber mittlerweile waren allerhand Umstände eingetreten, die das Reiten in ziemlicher Art ungemein erschwerten. Der edle Junker hatte ganz unritterliche , aber gut gemeinte Prügel erhalten.

Fester wird der Tritt der Pferde; die ersten Hütten tauchen auf. Selbst der silberne Mondschein kann das Bild nicht schöner machen. Ausgefallene Lehmgefächer, altersmüde, verfaulte Strohdächer, dazwischen wüste Brandstellen, zugedeckte Erdlöcher als Wohnungen der Bauern. So stellt sich das Dorf dar. Einst waren hier freie Leute, doch der Heerbann drückte, und um nicht jedes Jahr in Waffen gehen, "reisen", zu müssen, gab man Hab und Gut dem Ritter und empfing es wieder als Lehen, um so durch billigen Jahreszins der drückenden Waffenfolge ledig zu sein. Aber immer härter wurden Steuern und Fronden, und der freie Mann sank herab zum Leibeigenen. So schwer wie heute war aber nie die Zeit. Man schrieb das Jahr des Herrn 1272, und schon dauerte es 18 Jahre, daß kein König im Lande war. Herrenrecht und Faustrecht, Kampf aller gegen alle, und für alle büßte der arme Bauer. Der Städter war frei und stand mit eiserner Wehr auf den Zinnen; der Ritter wich vor dem Stärkeren in seine Mauern und zog die Zugbrücke hoch, und über den Schwächeren fiel er her, denn "Reiten und Rauben ist keine Schande, das tun die Besten im ganzen Lande". Auf den armen Bauer schlug jeder. Längst wurde kein Acker mehr bebaut, denn der Junker und der Feind, jeder stahl die Ernte. Nur auf weitentlegenen Rodungen im tiefen Wald zog man spärliches Brotkorn. Keine Spindel hüpfte, kein Webstuhl klopfte, kein Linnen bleichte in der Frühlingssonne. Zerlumpt und verwildert waren Bauer und - Herr.

Mitten im Dorf steht die Burg. In weitem Bogen umschließt die Mauer das feste Haus. An die wuchtige Eisenpforte klopft Konz mit dem Lanzenschaft. Nichts rührt sich. Er ruft, er hämmert mit Steinen. Endlich ein Schritt jenseits des Tores. Der Sperrbalken wird zurückgezogen. Ein verwahrloster Bursche öffnet. "Tölpel, warum läßt du uns warten!" Ein grimmiger Hieb mit dem Lanzenschaft begleitet Konz‘ freundliche Begrüßung. Die Pferde stampfen über den mit Kopfsteinen bepflasterten Hof. An der Zugbrücke, die über den fünf Ellen breiten und vier Ellen tiefen Graben führt, wälzt der Junker sich stöhnend vom Rosse und flucht recht unchristlich dabei. Das faßt Konz als ein erfreuliches Zeichen auf und meint: "Euch scheint besser zu sein, Junker." "Hol dich der Teufel", knurrte Hans und hinkt über die Brücke in die Halle.

Die nahm außer der Küche fast den ganzen unteren Raum ein. Eine Wendeltreppe wand sich nach oben. Dahinter stand der massige Turm, der oft des Geschlechtes letzte Rettung ward. Im Ringe brennt ein Kienspan und wirft flackernde Lichter über die schwarzberußten Wände, den gewaltigen Kamin, die plumpen Bänke, den ungeheuren Eichentisch. Sonst sind keine Möbel da, denn was früher einmal an Truhen und Schreinen in der Burg war, ist im letzten kalten Winter in den Kamin gewandert. Sie waren auch überflüssig, denn es war schon längst nichts mehr darin. Dafür ist aber der Estrich derart mit Schmutz bedeckt, daß ein Rudel Schweine hier ein Paradies gefunden hätte. In den Fensternischen der zwei Ellen dicken Mauern laden Strohsäcke, die etwas lebendig sind, zu erquickender Rast.

Hans klettert die Treppe hinan. "Noch ein bißchen Geduld", tröstet Konz , "‘s ist schlimm, wenn der Mensch nicht von Jugend auf an Prügel gewöhnt wird. Mir tun sie nichts mehr. Ich war bei Eurem Vater, Gott hab‘ ihn selig, in der Lehre. Na, die heut‘ waren ja auch nicht übel. Noch zwei- dreimal, dann fängt’s an, Vergnügen zu machen." Der edle Junker stöhnt und flucht und flucht und stöhnt. Ein enges Gemach öffnet sich. Friedlich scheint der Mond durch die trüben Butzenscheiben des kleinen vergitterten Fensters. Auch hier ist das ritterliche Lager nur ein Strohsack, ein schwerer Schemel noch und sonst nichts mehr. Doch halt! Am Kopfende der Ruhestätte steht auf hohem Leuchter eine mächtige gelbe Wachskerze. Die hat man bei einem nachbarlichen nächtlichen Zwangsbesuch bei den frommen Nonnen in Nonnenwerth mitgehen heißen. Bei ihrem Schein wird der Junker aus seiner Hülle geschält; aus dem rostigen Panzerhemd, den langen Eisenstrümpfen. An die Wand kommt der unförmige Helm, einem Topf gleich, der auf den Kopf gestülpt wird, daß er auf den Schultern ruht, oben flach, vorn mit zwei Löchern für die Augen und einem zum Atmen. Der Panzer ist rostig und zerschossen, ein Erbstück vom Vater, und heute hat er sehr gelitten auf der Rückseite. Hans steht im ledernen Untergewand, doch Die Untere Burg um 1900 – Stammsitz der Herren von Breitbach (Foto: Archiv Heimatverein Rheinbreitbach)leider fehlt der Stoff an vielen Stellen, und dort schimmert die adlige Haut, denn ein Leinenhemd besaß die ganze Burgbesatzung nicht mehr.

Auf dem edlen Felle aber zeigt sich, welch saubere, zunftgerechte Arbeit die Linzer Handwerker geliefert haben. Kreuz und quer, hin und her laufen die blutigen Runen. Junker Hans legte sich seufzend auf die unbeschriebene Seite, und Konz fängt an, kalte Aufschläge zu machen. Der edle Ritter brüllt jedesmal wie ein Stier. "Ruf die Jungfer Anna! Die hat noch die alte Salbe von meiert Mutter", befiehlt er schließlich. "Jetzt in der Nacht die Anna rufen?" zaudert der alte Knappe. "Der schlimme Drache kratzt mir die Augen aus." "Geh!" Konz klopft nun an die nächste Tür. Antwort kommt nicht. In zartesten Tönen flötet er: "Jungfer Ännchen !" Ein Holzschuh fliegt von innen gegen die Holzfüllung. Und nun prasselt’s los: "Galgenvogel, alter Rabe, fauler Herumstrolcher, abgerissener Gaudieb, mach dich von meiner Tür!" "Der Junker ist schwer verletzt und braucht dich." "Meint ihr Räuberpack, ihr könntet eine ehrbare christliche Jungfrau (Konz schmunzelt) zum Narren halten? Die Haut zieh‘ ich dir ab, mit dem Holzlöffel schlag‘ ich dir den Schädel ein, wenn du gelogen hast."

Nach einer Weile öffnet sich die Tür, und Jungfer Anna erscheint. Dürr ist sie und lang, wie eine Vogelscheuche, und am besten sieht man sie aus der Ferne. Und eine Liebe hat sie: den Junker, dessen Kindermagd sie war. Und nun pflegt sie ihn, salbt und tröstet, ruft grimmige Flüche herab auf die Linzer uns schilt auf Konz, daß er seinem Herrn nicht die Prügel abgehalten.

Endlich wird’s Hans leichter: "Alte, gib mir was zu essen!" "Nix ist mehr in der ganzen Burg, und auch die Bauern haben nix mehr. Gestern abend bin ich mit dem Roßbub in allen Hütten gewesen. Keine Brotkruste mehr, kein Ei, kein Huhn, nichts war zu finden. Nur einen Krug vom Nonnenwerther Wein hab‘ ich für Euch gerettet, vor’m Drickes und den anderen." "Gib her!" In langen Zügen schlürfte der edle Herr den gestohlenen Labetrunk. Und nun hat er Zeit nachzudenken.

Ein bitt’rer Tag war’s gestern, und konnte doch ein schönes Reiterstückchen werden. – In Linz feierte man nach altem Brauch das Maifest auf grünem Rasen am Waldrand. Froh tanzte die Jugend den Reigen, und die Alten sahen zu, sich eigener Jugendtage erinnernd, wie man damals harrte und wartete und hoffte, ob die jetzige ehrbare Ehehälfte, damals noch eine schlanke Maid, dem treuen Verehrer den gefiederten Ball zuwerfen würde, ihn damit zu ihrem Festgesellen machend und heimliche Zuneigung offenbarend. Heute wie vor Zeiten ging lustig das Spiel des Balles und das Spiel der Herzen. Aber am meisten umworben war die blondgelockte Else, des reichen Gastwirts von der Rheintorschenke einziges Töchterlein. Um ihretwillen hatte auch Hans den Streich gewagt. Wohl hatte sie ihm in früheren Jahren, als er, damals noch ein frischer Junge, in der Schenke Einkehr nahm, mit freundlichem Lächeln den Krug kredenzt. Aber in den letzten Zeiten war er notgedrungen ferngeblieben. Auch heute wagte er sich nicht unter die Feiernden. Allzu groß war mittlerweile sein Schuldkonto bei den Linzern geworden, seit er als Ritter der Landstraße manch ehrsamen Bürger seine Last erleichtert hatte. Diese ungebildeten Menschen wollten merkwürdigerweise weder seine Gefälligkeit noch sein ritterliches Recht zu solchem Tun anerkennen. Aber Else wollte er heute wiedersehen . Drum hatte er sich einen feinen Plan ausgeheckt. Auf dem Festplatz war eine merkwürdige Gestalt erschienen. Ganz in Felle gehüllt kam ein Reiter auf fahler , lendenlahmer Mähre. Der stellte den Winter dar. Nach altem Brauch mußte jetzt im grünen Gewand, auf feurigem Rosse ein kühner Reiter , der Maigraf, aus dem Walde sprengen , um nach kurzem Scheinkampf den Winter in die Flucht zu schlagen. Des Stadtschreibers Sohn war zu diesem wichtigen Amt erkoren.

Aber Hans wollte auch mitspielen. Während der Frühlingsbote im Walde seines Zeichens harrte, schlich er sich mit Konz heran. Der Maigraf achtete nicht auf die leisen Tritte hinter sich, er schaute nur durch das Gezweig auf den Festplatz hinaus; auch er sah nach den blonden Locken des Wirtstöchterleins. Da – wie ein finsterer Waldgeist war der Junker hinter ihm auf das Pferd gesprungen, und seine adeligen Fäuste umklammerten den Hals des Ahnungslosen: "Her mit dem Mantel und runter von der Mähre!" Der überraschte Reitersmann sank Konz in die Arme. Der hatte vorsorglich Stricke mitgebracht und band den Schreiberssohn etwas unsanft an einen Baum und steckte ihm noch einen Knebel zwischen die Zähne, daß ihm das Schreien verging. Junker Hans aber brach, jubelnd begrüßt, im wehenden grünen Mantel als Maigraf hervor.- Soweit war’s ganz schön, aber nun kam’s anders. Fielen schon die außerordentlich großen Stöße auf, mit denen er seinen winterlichen Gegner vom Platz trieb, so wurde es noch auffälliger, daß unter dem Mantel Eisenstrümpfe hervorguckten. Das hatte Klug-Hänslein nicht bedacht. Unter der Bürgerjugend gab es erst ein Geraune, dann bildete sich unauffällig ein Ring, und dann zog man auch Junker Hans vom Roß. Wohl sträubte er sich und schlug um sich wie ein angeschossener Keiler. Es half nichts, viele Arme hielten fest, man klappte den Helm herunter und sah mit Erstaunen das fremde Antlitz. "Der Breitbacher Hans!" schallte es in vielen Tönen, und dann fiel es wie ein Platzregen mit starkem Hagel über den adligen Festteilnehmer. Flache Knopfschwerter, schnell erfaßte Knüppel, Stiefelsohlen, Schlaghölzer vom Ballspiel vereinigten sich zu Kaskaden wildester Prügel. Plötzlich schrie der Stadtschreiber: Wo ist mein Sohn? Er hat ihn umgebracht." Da stürzte alles dem Gebüsch zu. Seitwärts aus dem Waldsaum kam flink Konz mit den Rossen. Selbst mit zerschlagenem Rücken läßt’s sich reiten, wenn’s ums liebe Leben geht. Glücklich entkam Hans auf weiten Umwegen. Erst als man außer Gefahr war, wurde ihm das Sitzen unerträglich, uns er nahm dann die malerische Lage ein, in der wir ihn zu Anfang fanden. Kein Wunder, daß er jetzt die Linzer herzlich liebt und ihnen bestes Wohlergehen wünscht!

Prügel an sich waren damals nichts Seltenes. Hans ärgerte sich nur, daß er sie bekam, daß er Amboß war und nicht Hammer. Und nun quält ihn zur Zwangslage auf dem Bauch, zur Schmach vor den Städtern, zur Schande vor der blonden Else auch noch fürchterlicher Hunger: "Anna, Alte, geh nochmals zu den Bauern! Sag, ich ließ einen von ihnen schlachten, wenn sie nichts finden". "Seid still, Junker, der Drickes kommt die Vonsbach herunter, man hört ihn schon singen.. Ihr wißt, dann bringt er was", .tröstet Jungfer Anna. Sie schlägt den Fensterflügel zurück. Goldene Morgensonne bricht herein, und deutlich schallt eines feierlichen Chorals getragene Weise herüber. Nicht lange, da klappert‘s auf den Pflastersteinen, und freudige Rufe erschallen.

Eine seltsame Gesellschaft zieht ein. Voran ein Ritter in gar merkwürdiger Rüstung. Golden funkelt der Harnisch, golden funkelt der Helm; das ist also ganz vornehm. Nur auffällig ist die Form. Wie der Schwengel in der Glocke hängt der Ritter in dem Panzer. Das ist der Drickes, und einen weiten Ruf genießt er, wenn’s auch kein guter ist, unter dem Namen "Der kupferne Drickes". Keiner kannte von ihm Namen und Art, noch woher die Fahrt. Ein fahrender Schüler, schon angegrauten Haares, war er vor drei Jahren verfroren und verhungert im Winter zugereist und geblieben. Und jetzt war er der Führer bei allen schlechten Streichen. Vor ihm gab es kein Versteck, er fand alles; vor ihm half keine List, er war mit allen Wassern gewaschen; er war roher und wilder als die anderen. Darum ging vor ihm der Schrecken und hinter ihm der Fluch. Dabei sang er mit Vorliebe feierliche lateinische Hymnen. Seine Rüstung hatte er sich selbst besorgt. Als beim Überfall in Nonnenwerth die Genossen Rauchfang und Keller durchstöberten, hatte er sich die Küche angesehen und dort gefunden, was er suchte: zwei kupferne Kessel, einen mächtig großen und einen zierlich kleinen. Der große wurde vorn und hinten aufgeschnitten, mit Scharnieren und Schließen versehen, ein Halsausschnitt angebracht, zwei Armlöcher dazu , und der Panzer war fertig. In den kleinen Kessel schlug man Augenlöcher und Atemöffnung, und der Helm war da. So war der kupferne Drickes entstanden. Jetzt ritt er mit noch zwei Genossen ein. Das waren der Bertram und der Michel, zwei Bauernsöhne, die sich Junker Hans angeschlossen hatten, verlockt vom anscheinend so leichten Leben des hohen Ritterstandes, und um lieber selbst zu schlagen als geschlagen zu werden. "Kuhstropp" und "Ferkelstod" nannten die Bauern in grimmiger Symbolik die edlen Recken. Auch heute Nacht hatten sie die in den Namen bezeichnete praktische Tätigkeit ausgeübt. Bertram hatte an seinem Sattel einen Strick festgebunden, der um die Hörner einer Kuh gelegt war, an Michels Pferd hing rechts und links am Halse je ein Ferkel. Der kupferne Drickes hatte vor sich einen Sack, aus dem das Mehl stäubte.

Über die Zugbrücke stürmt Jungfer Anna. "Kommt ihr endlich, ihr Rumtreiber, ihr Faulenzer", ruft sie. "Der Junker stirbt vor Hunger, und das Pack hat nur rumzustrolchen!" "Still, Cerberus!" lachte der Drickes. "Ich schlag dir die Zähne ins Maul, alte Vettel", meint Michel Ferkelstod. Aus dem Stall kommt der zerlumpte Roßbub, hungerbleich, geschlichen. Er ist ein herrenloses Kind der Landstraße, das niemanden hat und den niemand kennt. Er war einmal da und blieb. Selbst seinen Namen wußte er nicht. Sie nannten ihn Wolf. Er riecht Futter und weiß seine Arbeit. Rasch prasselt das Feuer auf dem Herde. Konz, der mittlerweile in der Halle auf dem Strohsack gelegen, übernimmt’s, die Ferkel am Spieß zu braten. Jungfer Anna manscht mit ungewaschenen Händen im Teig. Davon sollen die Finger auch sauber werden. Drickes ist beim Junker, hört sein Mißgeschick und lacht, daß sich die Balken biegen, über die ergötzliche Geschichte. Dann erstattet er Bericht über seine und seiner Kumpane Taten:....ja, ‚s nichts mehr los in der Gegend. Fünf Stunden sind wir geritten, bis wir das bißchen Futterzeug fanden. Aber wie wir die Straße kreuzten, da hörten wir einen Wagen, da kam der Schutzjud Aron von Linz und hatte einen großen Ballen Tuch geladen. Den ließen wir denn mitgehen, den Ballen mein ich, der Jud blieb liegen; er ist etwas beschädigt, den Jud mein ich; den Ballen holen wir heut‘ abend aus der Dickung."

Liebliche Düfte durchziehen das Haus. Die Ferkel sind hübsch braun. Jungfer Anna bringt dem Junker die bessere Hälfte. Die anderen teilen sich den Rest; der Bub bekommt die Knochen. Es ist ein liebliches Familienbild, sie in der Halle zu sehen. Teller gibt’s nicht. Gabeln kannte man noch nicht. Nein, es ist sauberste Handarbeit. Und dann schlafen die Herren so friedlich und schnarchen melodisch, wie es nur der vermag, der ein ganz gutes, unbeschwertes Gewissen hat.

In Linz war man an dem Tage etwas unruhig. Früh morgens hatten sich Schultheiß und Rat versammelt und beraten, was geschehen solle, um Genugtuung zu schaffen für den gestörten Stadtfrieden. Und man beschloß, den Übeltäter vor das Gericht der Stadt zu fordern. Dabei war man auch geblieben, als der Vogt des Erzbischofs den Junker als seines Herrn eigenen Mann nur für dessen Gericht zuständig hielt. Noch sprach man Recht in Kaisers Namen. Noch sandte man den Fronboten, den Missetäter zu laden. Aber darin lag die Schwierigkeit. Wer sollte Junker Hans laden? Fronbote war der Meister Zenz, ein ehrsamer, etwas buckliger Schneidermeister. Er wurde vor den Rat beschieden und ihm die schriftliche Ladung für den Junker Hans übergeben. Ohne Zaudern nahm sie der Bote. Darum sahen sich die Herren veranlaßt, ihn ernstlich zu ermahnen, den Befehl auch pünktlich auszuführen und streng darüber zu schweigen. Zens ging und schwieg. Aber keine halbe Stunde war er zu Haus, da hörte die ganze Nachbarschaft sein ehetrautes Weib jammern und auf den Rat wettern, der ihren unschuldigen Mann opfern wolle. Zenz schwieg wie ein Held, doch er hatte seinen Plan.

Der Abend kam auf linden Schwingen. Hinter den Eifelbergen sank die Sonne. Drickes, Bertram und Michel machten sich mit einem Pferd, das einen Packsattel trug, auf den Weg nach der Dickung, Arons Ballen zu holen. Dem Junker ward’s langweilig auf seinem Lager. Der alte Balsam hatte gut gewirkt. Satt war er auch. Es war ihm schon viel besser. Lau war die Luft draußen. Warum sollte er nicht im tiefen Graben mit fließendem Wasser ein Bad nehmen? Rasch stand er auf, geräuschlos ging er hinab und hinter der Burg ins Wasser.

Von der Vorderseite der Burg nahte sich leise eine kleine, etwas bucklige Gestalt. Meister Zenz zog vorsichtig hinter dem Mauervorsprung seine Kleider aus und band sich einen Gürtel um, an dem zwei luftgefüllte Schweinsblasen befestigt waren, und ging ins Wasser, die Ladung im Munde. Gerade kam der Junker von der Rückseite her geschwommen. Voll Schreck hält er ein und besieht sich das sonderbare Wesen da vor ihm. Was mag das sein? Für ein Gespenst schnaubt’s zu lebhaft. Die Blasen sehen im Mondlicht aus wie kleine Flügel. Aber von buckligen Englein hat man doch noch nichts gehört. Auch sind die Flügel zu kurz, und es ist doch nicht die Zeit der Mauser. – Jetzt ist mit zaghaften Bewegungen das Etwas drüben gelandet. Von der Zugbrücke hebt es sich hoch, nimmt die Ladung und versucht, sie vorsichtig am Tor zu befestigen. – Nun weiß Hans, was los ist. Ein Hechtsprung! Da fährt seine Linke dem unglücklichen Fronboten ins Genick, die Rechte hebt aus zu einem gewaltigen Schlag. Da bricht das Schneiderlein vor Schreck ohnmächtig zusammen. Der Junker lärmt am Tor. Endlich kommt Konz und öffnet. Wie der die zwei Menschen im Urzustand sieht, schreit er voll Entsetzen. "Alle guten Geister....!" Doch die treuherzige Anrede: "Halt’s Maul, Esel!" läßt ihn seinen Herrn erkennen. Die beiden betrachten sich den Unglückswurm nun in der Halle. Wie der aber zu sich kommt und im Schmuck der Blasen heulend um Gnade fleht, da können sich Herr und Knecht vor Lachen nicht halten, daß zeternd Jungfer Anna, angsterfüllt der Roßbub gelaufen kommen. Das Lachen rettet Zenz das Leben. Wer kann jemand töten, der so lächerlich ist? Konz knufft ihn mit Maßen, Anna will ihm mit dem Besen zu Leibe. Der Roßbub schleicht still hinaus. Der Knecht schiebt Zenz in ein leeres Gelaß, dort sitzt er frierend, hungernd und voll Angst. Der Roßbub aber steckt eine Viertelstunde später in des Fronboten ganzen Kleidern.

Eine Stunde später kommt Drickes mit den Kumpanen und dem Ballen. Wuchtig ist dieser und schwer. Jungfer Anna sieht sich schon im Samtkleid.. Er wird geöffnet, und darin ist derbes, gutes Sackleinen. "Einerlei", meint Hans, "der Schneider muß uns daraus Anzüge machen. Etwas ist besser als nichts."

Drei Tage vergehen. Der Schneider in seiner Höhle arbeitet mit Eifer und Wehmut an den sackleinenen Anzügen. Am meisten bekümmert es ihn, was wohl die Innung sagen wird, daß er so zunftwidrige Arbeit leistet.

Drickes hat einen Plan, wie er die Linzer am empfindlichsten Punkt treffen kann. Am Morgen des vierten Tages reitet er aus mit Bertram und Michel. Nicht in Nacht und Grauen, am hellichten Tag will er die Städter spotten. Auf der Bergplatte über der Stadt erhebt sich das Wahrzeichen höchsten Rechtes, des Blutbannes in Kaisers Namen, der dreibeinige Galgen, an dem so manch armer Schelm für geringes Vergehen mit des Seilers Tochter Hochzeit halten muß. Drickes kommt angeritten mit den Gefährten. Jeder hat eine Axt, und schon beginnen sie, die Stützbalken umzuhauen. Aus dem Felde sind schreckensbleich Frauen ins Städtchen gestürzt und berichten das frevelhafte Tun. Man zieht die Sturmglocke. Mutige Männer stürmen mit allerhand Augenblickswaffen der Höhe zu. Sie sehen noch gerade, wie krachend das Gerüst einstürzt und hören dazu den Drickes seine schönste Hymne singen. Drickes springt aufs Pferd. Er vertraut dem Schrecken seines Namens. Und wirklich, der Angstruf "Der kupferne Drickes" treibt alles zur Flucht. Mit blankem Schwert rast der Gefürchtete hinterdrein. Da – sein Pferd tritt fehl, es stürzt, es überschlägt sich, und in weitem Bogen fliegt Drickes auf den Acker. Er zappelt und rudert, aber der schwere ungefüge Kupferkessel hemmt, er kommt nicht mehr auf. Wie eine Schildkröte ist er anzuschauen, die auf dem Rücken liegt. Jetzt sind sie über ihm! Rasch schlingen sich Stricke um Arme und Hände, man reißt ihn hoch, und ungeheurem Jubel führt man ihn zur Stadt. In gutem, festem Turmgemach soll er des Gerichtes harren. – Bertram und Michel sind verschwunden.

Drei Tage vergehen wieder. Stolz erhebt sich der neue Galgen, der heute mit seinem ersten Opfer eingeweiht werden soll. Keiner freut sich mehr als der Stadtschreiber. Er läßt sogar die Balken mit Blumen schmücken. Das Sündenglöcklein läutet; in festlichem Zuge bringt man den Drickes in seiner kupfernen Rüstung. So soll er hängen.- Das Urteil war rasch gefällt worden. Drickes hatte im Verhör nur einen Satz gesagt, der eine freundliche Aufforderung an die hochvermögenden Herren und alle Linzer enthalten hatte. – Heute war Markttag, und viel Volk von nah und fern herbeigeeilt. So war es weiter nicht aufgefallen, daß ein mächtiges Fuderfaß in den Hof des erzbischöflichen Vogtes eingefahren war. Hinter ihm waren die Hoftore geschlossen worden, und so hatte es keiner gesehen, wie aus dem Faß der Bertram und der Michel krochen in neuen sackleinenen Anzügen. Und der Roßbub, der war keinem bekannt, der konnte auch unbeschrieen mit dem leeren Wagen wieder ausfahren. – jetzt war die ganze Stadt draußen. Der Missetäter stand unter dem Galgen. Der Schultheiß hob den weißen Stab, zerbrach ihn und warf dem armen Sünder die Stücke vor die Füße. – Da schallte dumpfes Schreien vom Städtchen herauf. Und wie die Blicke hinab gleiten, da steigt Rauch auf an zwei, drei, vier, jetzt an fünf Stellen. "Mein Haus brennt! Mein Haus!" schreien fünfzig, hundert Stimmen und was rennen kann, rennt zu retten und zu löschen. Ein lediges Pferd am Halfter, sprengt Junker Hans mit Konz heran, schon kommen seitwärts Bertram und Michel gelaufen. Wolf hat ihnen die Pferde bereitgestellt. Im Augenblick ist Drickes frei. Fünf Minuten später ist der Platz leer. Aber am blumengeschmückten Galgen wiegt sich sanft im Wind der Stadtschreiber von Linz, den hatte Drickes noch erhascht.

Am anderen Morgen umzingelt der Stadt Wehrmacht das feste Haus in Breitbach. Aber die Vögel sind ausgeflogen. Nur Jungfer Anna schimpft aus der Dachluke und freudestrahlend wartet Meister Zenz. Wie man aber anfangen will, die Mauern zu zerbrechen, gebietet des Bischofs Vogt Einhalt. Es sei seines Herrn Haus. – Junker Hans und seine Kumpane blieben verschwunden. Nach Jahr und Tag kam ein Sohn der Stadt Linz von weiter Fahrt zurück und behauptete, den kupfernen Drickes als würdigen Stadtschreiber im fernen Ordensland Preußen gesehen und sogar gesprochen zu haben. Das war die letzte Nachricht.

Die Burg kam in andere Hände. Ein neues Geschlecht baute sie aus und brachte seine Wappenzeichen an. Jetzt sieht sie schon lange kein Herrenleben mehr. Im trockenen Graben blühen Obstbäume, auf dem Hof rastet der blanke Pflug. Das Schwert ist verrostet.


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