Die
"Judenkuhl" in Rheinbreitbach
Von J. Altmann
(Heimatkalender Kreis Neuwied, 1928)
Wo die Berge zurücktreten vom Rhein, als wollten sie in weiter Umarmung zum letzten Mal umfangen den stolzen Strom, ehe er hinauswandert in das neblige Flachland, liegt geschmiegt um einen steilen Felskegel, den "Koppel", das alte Rheindorf Rheinbreitbach. Nur auf schmaler Felsenklippe gelangt man vom Koppel zu dem zusammenhängenden Bergland. Dort auf der Höhe öffnet sich eine Mulde, die seit undenklichen Zeiten den Namen "Judenkuhl" führt. Woher sie den Namen erhielt, das sei aus Überlieferung und Sage hier niedergeschrieben als ein Teil der Schicksalskunde jenes Volkes, das gleich Ahasver wandert, ohne bleibende Stätte zu finden.
In Rom schrieb man das Jahr 820 seit der sagenhaften Gründung der Stadt, die Anhänger Christi zählten das 70. Jahr seit der Geburt des Herrn, es war Herbstzeit, und nebelnaß umrauschten die Stürme das feste Standlager am Rhein: Colonia Agrippina. In der weiten Halle des Prätoriums stand vor dem Landpfleger der Bergmeister Marius. " Also, wie gesagt Herr, wir haben die Stätte gefunden, wo schon das Volk, das die Germanen vertrieben, das Kupfer fand, den braunen Stein, wie sie es nannten, aus dem sie ihre Waffen schmiedeten. Reich ist der Stein an Erz, doch mühsam muß er hervorgeholt werden aus des Berges Tiefe. Giftig ist die Luft, und Wassereinbruch droht." Aufmerksam hat der höchste Beamte Roms gelauscht. Vielleicht ist nun das Glück zu ihm gekommen, die Gelegenheit, Reichtum zu erwerben, denn nur deshalb hat er das sonnige Italien mit dem nebelgrauen Lande vertauscht. "Wo ist der Berg?" "Herr, wohl zehn Stunden sind zu wandern auf des Stromes rechter Seite. Dort ergießt sich ein Bach in den Rhein. Folgst du dessen Lauf eine halbe Stunde aufwärts, dann ist der Fuß des Berges erreicht." "Sofort wirst du, Marius, beginnen, das Erz zu schürfen!" "Herr gib mir Leute, Sklaven! Wild ist das Volk der Germanen, und schwach ist dort, jenseits des Grenzwalls, Roms Macht. Keine Stunde wären meine Aufseher und ich sicher vor tückischen Speeren aus dunklem Waldesdickicht, wollte man germanische Volksgenossen zu Bergsklaven machen." "So muß Rom helfen," entscheidet der Statthalter, "wann hätte es Rom wohl an Sklaven gefehlt, seit es die Welt beherrscht? Heute geht ein Kurier mit Berichten an den Senat nach Rom, er mag den Auftrag mitnehmen".
Hinter Roms sieben Hügeln sinkt die Sonne. Golden
umfließen ihre letzten Strahlen das schimmernde Kapitol, neu erstanden, seit Neros
Cäsarenwahnsinn die alte Stadt in Asche legte. Ein müder Reitertrupp nähert sich dem
Tore. Voran auf starkem numidischen Hengste ein jugendlicher Offizier, hinter ihm unter
Führung eines alten Dezurio 10 Söldner. Alle sind in Eisen gehüllt und tragen den
schweren Erzhelm. Unter dem Waffenkleide des Führers hervor fließt rotes
Scharlachgewand. Staunend sieht er große Volksscharen, Landleute mit ihren Frauen und
Kindern, der Stadt zuströmen. Sie kommen auf Pferden und Karren, auf Eseln und führen
reichen Mundvorrat und in weiten Tonkrügen Wein mit sich. "Was zieht euch alle nach
Rom?" redet der Führer einen Alten an, der am Wege rastet. "Herr woher kommst
du, daß du nicht weißt, wie Roma wieder einen Helden ehrt? Des Kaisers Sohn, Titus, ist
zurückgekehrt aus jenem Lande der Juden. Wo es liegt, weiß ich nicht. Die
Verblendeten, sie wollten nicht glauben, daß die Götter Rom die Herrschaft geben über
die Erde. Vernichtet aber ist ihre Stadt. Reiche Beute führt Titus heran, und darum hat
der Senat ihm einen Triumphzug bewilligt, den morgen zu schauen, gehen wir nach Rom. Und
dann gibts Spiele. Hörst du, wie die Löwen brüllen?" Erfreut sehen sich die
Krieger an. Das trifft sich gut: ein Fest in Rom, das bedeutet Erholung nach langem
mühsamem Wege fern aus Germaniens Wäldern zu den Ufern des Tibers. Befriedigt hört auch
der Offizier die Kunde. Nun werden sich die Wünsche des Statthalters am Rhein leicht
erfüllen lassen: Sklaven für die Berge, eine Legion Soldaten mehr gegen die
übermütigen Germanen. Und sie sehen den Zug. Sechs milchweiße Rosse
ziehen den Wagen des Triumphators, die Stirn schmückt ihm der Lorbeerkranz, und hinter
ihm, da führt man im Schmuck ihres Amtes die Besiegten: den letzten König Israels, den
letzten Hohenpriester. "Sie schreiten einher nach zertrümmerter Macht, noch vom
blutigen Staub der verlorenen Schlacht die Gewänder bespritzt, die Sandalen bestäubt,
wie Schatten zum stygischen Eingang." Es ist ihr letzter, ihr Todesgang, denn am
Schluß des Zuges harrt ihrer schon der Henker. Aber es folgt ihnen ihr Volk, Tausende um
Tausende, Männer und Frauen, Kinder und Greise, hungernd, halb nackt, in Fesseln. Heute
sind Sklaven billiger in Rom! Heute kann der Sand der Arena das Blut nicht alle trinken,
das da fließ!
Drei Monate später. Wildschäumend wälzt der Rhein lehmgelbe Fluten. Der Schnee ist geschmolzen, und ungeheurer Wasserschwall tobt im engen Tale. Ganze Inseln schwimmen, losgerissene Urwaldriesen, tausendjährige Eichen drehen ihre Kronen, heben ihre Wurzeln im schaurigen Bette. Frierend hat die römische Wache am Grenzkastell, dort wo der Wall beginnt, sich zurückgezogen. Da taucht aus dem Nebel eine graue Masse auf. Voran ein Reiter, in der Hand an hoher Stange das römische Feldzeichen S P O R "Senat des römischen Volkes", hinter ihm in Mäntel gehüllt, fast unkennbar, nur überragt vom Römerhelm, hohe Offiziere. Und dann folgt mit wuchtigem Schritte die Legion römischer Fußsoldaten, die der Statthalter erbeten. 3000 Mann ziehen ein durch die Pforte des Kastells. Immer neue Scharen tauchen aus Nebel und Nässe auf. Endlich ist auch der letzte Soldat in den schützenden Mauern, aber noch endet nicht der Zug. Wilde Flüche erschallen, Peitschenhiebe klatschen auf unbedeckte Schultern, das Bellen großer Hunde ertönt, und wankend und kriechend naht eine Schar Verdammter. Staunend sieht der germanische Römersöldling am Toreingang fast nackte Menschen auftauchen, fremd von Ansehen, mit schwarzen Haaren, mit langen Bärten, elend und abgemagert. Tief liegen die fast erloschenen Augen. Wie irre taumeln sie in ihren Ketten, je vier und vier zusammengeschmiedet. Auf Schultern, Rücken und Armen aber klaffen dunkelschwärige Wunden, denn umkreist wird der Haufen Elender von Aufsehern mit furchtbaren Peitschen, von gewaltigen Molosserhunden, auf Sklaven dressiert. Es sind die Bergsklaven, gefangene Juden, Reste aus Jerusalems Untergang. Blindlings hat man sie herausgerissen aus der Schar der Gefangenen, gleich Schlachttieren abgezählt und in Ketten geschmiedet. Da wankt der Gärtner vom Ölberg neben dem Schriftkundigen vom Tempel, der Lastträger vom Markte neben dem Gesetzesschüler, der Kaufmann, der aus fernem Lande zum Osterfest kam, neben dem Bauern aus dem Jordantal, dem Fischer vom See. Eins nur verbindet sie: grenzenloses Elend. Düster, fast einem Geiste gleich, ragt in der ersten Reihe Nathan, der Priester. Von seinen Lippen bricht Davids Bußgesang: "Aus der Tiefe rufe ich dich, o Herr! Herr erhöre meine Stimme!" Ungebrochen ist sein Vertrauen auf Israels einzigen Gott. Aber über fünfhundert waren sie, als sie Rom verließen, kaum noch zweihundert sind es, die anderen, sie liegen im Schnee der Alpen, in den Urwäldern Germaniens. Es vergeht auch diese Nacht, die letzte der Wanderung.
Vor der Schachtöffnung des Virnebergs steht Marius, der Bergmeister, und sieht die Herde seiner Sklaven herangetrieben kommen. Schon hat er die Arbeit begonnen. Etwa 30 kettenbelastete Menschen, Deserteure der Legionen, entflohene Sklaven, Mörder und Diebe sind ihm zugewiesen worden. Unter der Peitsche der Sklavenaufseher haben sie die wiederentdeckten Stollen aufgeräumt und verzimmert, einen Aufenthaltsraum geschaffen für ihre Schicksalsgenossen. Und nun naht der furchtbare Zug. In den Schacht treibt man die Unglücklichen, und Marius mustert sie im Vorübergehen. Kein Gedanke kommt ihm, daß die Armen Menschen sind. Er kennt nur Herren und Sklaven. "Wieviel habt ihr verloren?" wendet er sich an den Führer. "Etwa 300." "Kein schlechtes Ergebnis," meint befriedigt Marius. Drinnen aber im Berge, da muß man die Ketten lösen. Zu enge sind die Stollen. Gebückt und kriechend erreicht man einen weiten Raum. In die Wände sind Eisenringe eingelassen, und daran schließt man die Ketten wieder, je zwei Gefangene an einem Ring. Hier sollen sie weilen nach der Arbeit, hier sollen sie essen, hier sollen sie schlafen. Ein Raum ohne Lüftung, ohne Licht, er soll 200 Gefangene beherbergen, ihnen dienen zu allen Lebensäußerungen ein schauervoller Menschenstall. Gleich Tieren wirft man ihnen Nahrung zu. Und dann beginnt die Arbeit. Man löst die Ketten aus den Ringen, man führt sie in die Stollen. Rasch ist die Einteilung erledigt. Die Älteren brechen die kupferhaltigen Steine los, die Jüngeren tragen sie auf nackten Schultern ins Freie. Die Peitsche macht jede Erklärung überflüssig. Die Lungen keuchen, aus den ausgemergelten Leibern treten die Rippen, der kraftlose Arm kann kaum den Hammer schwingen, es hilft nichts, die Peitsche zwingt.
Die Tagesarbeit ist vorüber, angeschlossen an die Ringe haben sie ihr kärgliches Mahl erhalten. Da durch Seufzen und Stöhnen ein lange nicht gehörter Ton. Nathan, der Priester hat begonnen. Es ist der Sabbatabend, und von des Priesters Lippen schallen die heiligen Worte: "Dich grüßt meine Seele, o Sabbat, wie die Braut den Bräutigam grüßt am Morgen...."Und dann stimmen alle ein, die heiligen Klänge der uralten Sabbatweise ertönen im furchtbaren Kerker. Trotz Ketten und Elend senkt sich milder Schlaf auf die Gepeinigten herab. Die heiligen Worte, sie haben sie hingeführt, und ihr Geist er wandelt diese Nacht ins Land der Väter. Sie sehen die Lilien im Sarontale, den Kranz der Berge um den See, es leuchten die Zinnen des Tempels in goldener Pracht.
Rauhe Flüche reißen sie aus ihrem Frieden: "Los, zur Arbeit!" An den Aufseher wendet sich Nathan: "Herr laß uns an diesem Tage feiern. Gott hat uns verboten heute zu arbeiten. Wir bringen den Tag wieder rein!" Ein furchtbarer Hieb ist die Antwort. Geißelhiebe, Keulenschläge, sie fallen nach rechts, nach links. Da drängt die verschüchterte Herde hinaus zum Stollen. Nur eine kleine Schar, 24 sind es, bleibt um Nathan geschart. Sie sind gleich ihm Effener, gehören seiner jüdischen Sekte an, die strengste Sabbatheiligung verlangt. Als Peitschen und Keulen nichts fruchten, da ruft man Marius. Er ist mehr erstaunt als entrüstet: Sklaven wagen, einen Wunsch zu haben, Sklaven wollen einem Gotte dienen. Ihr Gott ist der Römer! Noch einmal wiederholt sich die entsetzliche Mißhandlung. Die Juden bleiben standhaft. Da spricht mit furchtbarer Gleichgültigkeit Marius zwei Worte: "Ans Kreuz!"
Wo sich über dem "Koppel" die Felsbrücke
ans Bergland schließt, wo weit dem Blick sich öffnet das Tal des Stromes, hält ein
düsterer Zug. 25 gepeinigte, blutende Menschen sind angetrieben worden. An die
auseinander gespannten Arme sind zwei Balken gebunden, ein längerer, ein kürzerer. Die
langen Balken werden in die Erde gerammt, einer steht in der Mitte, die anderen im Kreise
um ihn. Dann werden auf das kurze Querholz mit wuchtigen Schlägen die Hände der Armen
genagelt. Mit furchtbarer Sachlichkeit geschieht die Arbeit, gefühllos, als seien es
nicht zuckende Menschenglieder, - wann hätte je ein Römer Mitleid oder Erbarmen
gefühlt! Auf das Querholz wird der Langbalken mit seiner grauenvollen Last gezogen, zwei
Nägel werden durch die Füße getrieben, und bald ist der gräßliche Kreis geschlossen.
Inmitten ragt am höchsten Kreuze Nathan, der Priester, ein geopferter Priester einer
geopferten Gemeinde. Sein Blick schweift über das Tal. Ein Frühlingstag ist heute, wohl
eilt noch wild der ungebändigte Strom dahin, doch weht schon wie ein duftiger Schleier
junges Grün um die saftgefüllten Zweige. Mild strahlt die junge Sonne auf das grausige
Bild.
Aus der germanischen Siedlung sind schreckensbleich blonde Menschen herbeigeeilt und sehen das Römerwerk. Mitleidig reicht ein weißes Kind Nathan ein Trinkgefäß mit Met. Lachend entreißt ihrer Hand der Römer den Becher und leert ihn selbst.
Verstummt sind die Schmerzensschreie, gelöst im Tod der qualvoll verzerrten Glieder. Die Sonne hat ein Wolkengewand um sich gezogen, einsam ists an der Richtstätte. Da hebt noch einmal Nathan das müde Haupt, und sein sterbender Blick schweift über die Gefährten: der scheidende Hirte, er segnet die schlafende Herde. Und dann haften seine Gedanken zurück in ferne Vergangenheit. Schon einmal glaubt er, die Szene erlebt zu haben, doch da hing ein anderer am Kreuz, der gesagt hatte, er sei Gottes Sohn, und neben ihm da starben zwei Mörder. Er war bei jenen gewesen, die gerufen hatten: "Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!" Wie gräßlich hat es sich erfüllt! Zu Nathans Ohr war aber auch gedrungen, wie von Reue erfüllt sich der eine Sünder an den sterbenden Gottessohn wandte, und schweigend war er vom Kreuze weggegangen, als er die liebevolle Verheißung vernahm. Ja, jene Worte, sie haben sich ihm ins Herz gegraben, daß sie ihm in dieser Stunde lebendig werden. Die bleichen Lippen öffnen sich und flehentlich ertönt die Bitte: "Herr gedenke meiner in deinem Reiche!" Da es zerreißt die Wolkenwand, fast zur Rüste ist die Sonne gegangen hinter den Bergen am linken Ufer ihr letzter Strahl trifft das Haupt des Dulders, eine tröstende Verheißung: "Auch du wirst heute bei mir im Paradiese sein!" und Nathan, der letzte Priester Jehovas, stirbt.-
Drei Tage hängen die Gerichteten am Kreuze. Dann wirft man sie mit den Kreuzen in die Schlucht, den Wölfen zum Fraß. Es sind ja nur Sklaven.
Fast zweitausend Jahre sind ins Zeitmeer geflossen seit jenem Tage, die Römer mußten weichen, die Völkerwanderung flutete am Rhein vorüber, das Volk an seinen Ufern, es sammelte sich zum großen Frankenreiche, Krieg und Not wechselten mit guten Zeiten, seit Jahrzehnten sind die Bergwerke verödet, aber im Volke lebt weiter das furchtbare Geschehen an der "Judenkuhl".