Vor vielen hundert Jahren kam ein wohlhabender Bergmann nach Rheinbreitbach, der in seiner fernen Heimat von einem wandernden Handwerksburschen die Geschichte von den Zwergen im Virneberg bei Rheinbreitbach gehört hatte, die dort Kupfererz aus der Erde geholt haben sollten. Er wollte erkunden, ob es sich für ihn lohnen würde, hier eine Grube anzulegen. und nach dem wertvollen, kupferhaltigen Gestein zu schürfen.
Zunächst erkundigte sich der Fremde, der den Namen Bartholomäus Brüggen (1) trug, nach der Lage des Virnebergs, in dem die Zwerge ihr unterirdisches Handwerk betrieben haben sollten. Einige ortskundige Burschen boten sich ihm an, mit ihm an der Koppel vorbei dem Lauf des Breitbaches aufwärts in den Wald zu wandern, um ihm einige Eingänge der Stollen zu zeigen, durch die die Zwerge angeblich vor undenklichen Zeiten das Kupfererz aus dem Berg geholt hatten. Zum Beweis dafür, daß einstmals im Virneberg "vor Ort" gearbeitet worden war, wurden ihm von einem seiner Begleiter in dessen Haus auf der Westerwaldstraße alte, verrostete Bruchstücke von Werkzeugen der Bergleute gezeigt, die er in einem der Stollen gefunden hatte. Bartholomäus Brüggen nahm Stück für Stück in Augenschein und prüfte ein jedes recht sorgfältig, um festzustellen, ob es sich um Teile von zerbrochenem "Gezähe" handelte. Als er das letzte Bruchstück dem stolzen Besitzer zurückgab, erklärte er überzeugt und freudig: "Ihr Burschen habt recht. Im Virneberg haben vor vielen Jahren Bergleute gearbeitet. Kommt, laßt mich die Eingänge zu den Stollen suchen!" Munter schritten die Männer der aufgehenden Sonne entgegen, während ihre Gedanken einzig und allein auf das bevorstehende Abenteuer des tiefen Eindringens in einen der Stollen gerichtet waren. Der fremde Bergmann erfuhr von den jungen Männern aus Rheinbreitbach, daß keiner von ihnen es gewagt hatte, weiter in sie einzudringen, als das Licht der Sonne sie erhellte. Er aber trug eine Fackel mit sich, um tief in den Virneberg eindringen zu können. Die Burschen gestanden ihm, daß sie ihn nicht in die geheimnisvolle Nacht der Stollen begleiten würden, weil sie sich davor fürchteten, dadurch den Unmut der Zwerge zu erregen. Sie sagten ihm, daß in ihrem Dorf Rheinbreitbach ein Gerücht umgehe, nach dem die Zwerge tief im Virneberg ihre Schätze verborgen hätten und jeden bestrafen würden, der es wagt, sie habgierig zu betrachten oder gar in Besitz zu nehmen.
Bartholomäus Brüggen lachte über ihren Glauben an Zwerge und über ihre Furcht vor ihrer Macht. Mittlerweile waren sie an dem tiefstliegenden Stolleneingang angekommen. Der fremde Bergmann entzündete seine Fackel und begann den Einstieg in die Unterwelt des Virnebergs. Die Burschen konnten ihre Furcht nicht überwinden und blieben vor dem Stolleneingang stehen. Sie starrten wie gebannt in die Finsternis hinein und lauschten angespannt auf jedes Geräusch, das aus dem Dunkeln zu ihnen gelangte. Schon wollten sie verzagen und furchtsam nach Hause schleichen, als sie in der Ferne der Tiefe des Stollens ein winziges Licht erblickten, das von der Fackel des fremden Bergmanns herrührte. Bald wurde es größer und größer, und nach einigen bangen Minuten hörten sie die Schritte des Fackelträgers näher und immer näher kommen. Schließlich trat er wieder in die Helle des Morgens hinaus und lachte stolz und glücklich. In der freien Hand trug er triumphierend einen Stein, der blau und grün gezeichnet war. Er rief den Burschen zu: "Das ist der Stein, den ich in Brot verwandeln werde. Er soll die Rheinbreitbacher satt und zufrieden machen. Ich habe "sehr volles Erz" gefunden. Hier will ich mein Kupferbergwerk erbauen. Fast ein Jahrtausend ist es her, daß hier einmal Bergleute gearbeitet haben. Von ihnen rühren die Bruchstücke des Gezähes her, welche ihr in den Stolleneingängen gefunden habt. Seht her, ich habe auch etwas auf dem Boden des Stollens aufgelesen. Es ist eine römische Münze. Es werden römische Sklaven gewesen sein, die einstmals hier im Virneberg geschürft haben."
Die jungen Burschen begleiteten Bartholomäus Brüggen zum Dorf zurück. Dann verabschiedete er sich von ihnen, um nach der Hauptstadt des Landes zu wandern. Dort wollte er den Kurfürsten um die Erlaubnis bitten, ein Bergwerk in Rheinbreitbach in Betrieb zu nehmen. Die Burschen eilten von Haus zu Haus, um den Rheinbreitbachern von dem fremden Bergmann, von dessen Erkundungen in einem der Stollen des Virnebergs und von seinem Vorhaben zu berichten. Gerne schenkte man ihnen Glauben und hoffte zuversichtlich auf eine glückliche Zukunft des Dorfes Rheinbreitbach. Doch fiel es den alten Leuten sehr schwer, ihren alten Glauben an das Reich der Zwerge im Virneberg aufzugeben.
Als Bartholomäus Brüggen mit der Einwilligung des Kurfürsten zur Errichtung des Bergwerks im Virneberg nach Rheinbreitbach zurückgekehrt war, fand er bei den Einwohnern nicht nur eine freundliche Aufnahme, sondern auch die Bereitwilligkeit der Männer vor, ihm nach besten Kräften bei seiner Arbeit im Virneberg zu helfen. Große Mengen Kupfererz wurden gebrochen und in die Schmelze gebracht. Wenn die golden leuchtenden Barren des Metalls auf die Karren zum Abtransport geladen wurden, befiel die Rheinbreitbacher Bergleute gar oft die Befürchtung, daß sie die Rache der Zwerge treffen würde, weil sie ihnen ihre im Virneberg verborgen gehaltenen Schätze wegnahmen. Sie stellten sich unter den Schutz des heiligen Joseph und bildeten eine Bruderschaft, die dessen Namen trug. Er sollte sie beschützen vor den Gefahren des Bergwerks , vor Stolleneinbrüchen, vor Wassereinbrüchen und Explosionen. Wenn sie es sich auch nicht eingestanden, so wünschten sie außerdem gar sehr von ihm, daß er sie vor der Rache der Zwerge bewahren möge.
(1) Professor
Brungs berichtet in der 1952 herausgegebenen "Geschichte Rheinbreitbachs":
"Die frühesten uns zu Gebote stehenden Nachrichten über den Rheinbreitbacher
Bergbau stammen aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts. Danach ist im Jahre 1604
Bartholomäus Brüggen (Brück) nach Rheinbreitbach gekommen und hat das kurfürstliche
Bergwerk daselbst im folgenden Jahre in Betrieb genommen. Er hat einiges Vermögen
besessen und dieses und namentlich seine Kenntnisse als Bergmann, seinen Fleiß und seinen
Unternehmungsgeist in das Geschäft hineingebracht. Er war zugleich Gewerke und
Schichtmeister. Trotz allem aber ist er vom August 1611 an den Zehnten schuldig geblieben,
da der Kurfürst ihm diesen in Gnaden nicht nachgelassen hatte. Brück geriet in
Bedrängnis und Schulden bei seinem Mitgewerken Dietrich Rath aus Köln, dem er dann das
Bergwerk überließ."