Heimatverein Rheinbreitbach e.V.Zwergenrache

In jener fernen Zeit, in der noch die Bewohner des Westerwaldes trotz ihrer Bekehrung zum Christentum heimlich den heidnischen Göttern Verehrung schenkten und Opfer darbrachten, lebte in den dichten Wäldern am Katzenloch südlich des Rheinbreitbacher Grabens ein einsamer Bauersmann. Er hatte sich in der Nähe der Quelle eine kleine Hütte errichtet und auf der benachbarten Wiese einen kleinen Garten angelegt. Der ihm neben dem zahlreichen Wildbret aus den naheliegenden Wäldern sein tägliches Brot liefern mußte. Mit Fleiß und Ausdauer war er darum bemüht, den Wald auf den sanften Bodenwellen zu roden, die den Bergen vorgelagert waren. Es dauerte nur wenige Jahre, da hatte er sein Besitztum durch seine unermüdliche Arbeit soweit vergrößert, daß er sich um einige Knechte und Mägde als Hilfskräfte auf dem mittlerweile hier entstandenen Hagerhof (1) umsehen mußte. Schließlich holte er sich eine Lebensgefährtin und tatkräftige Wirtschafterin vom Hahnhof in der Nähe von Rheinbreitbach.

Die Frau und Bäuerin hielt an den Sitten und Gebräuchen ihres Elternhauses fest und achtete sehr darauf, daß an jedem Donnerstag, am Vorabend vor dem Tag der Göttin Freija, der häusliche Herd von jeglicher Asche gesäubert wurde, um dadurch der Königin der Holden und der Beschützerin der Ehe ihre Achtung und Zuneigung zu beweisen. Sie vergaß auch nicht, für die Hausgeister ein kleines Schüsselchen mit Speisen und ein Krüglein mit Bier oder Wein hinzusetzen. Ihr Mann verwunderte sich eines Tages über ihre Gepflogenheiten. Als er sie an einem Donnerstagabend bei der Säuberung und dem Füllen der für die Kobolde bestimmten Gefäße überraschte, führte sie noch einmal die Worte ihrer Mutter an, die sie ihr vor dem Hochzeitstag als Mahnung und Rat auf den Weg nach dem Hagerhof gegeben hatte: "Denke stets daran, daß du dir die Hausgeister gewogen erhältst durch die Säuberung des Herdes am Donnerstag und durch die Verabreichung einer kleinen Gabe an Speise und Trank an die Kobolde. Sie werden dir dann stets fleißige Hausgeister sein. Ihre Freude wird es an jedem Tag sein, den Knechten und Mägden deines Hofes beizuspringen und insgeheim einen Teil der Arbeiten zu verrichten. Sie striegeln die Pferde, kämmen ihre Mähnen, füttern das Vieh, holen Wasser aus der Quelle und misten die Ställe. Den Mägden zünden sie das Feuer an, spülen die Schüsseln, spalten das Holz, kehren und fegen Haus, Stall und Hof. Sie mögen faules und fahrlässiges Gesinde nicht leiden. Wohl kochen sie morgens für die Knechte und Mägde die Mehlsuppe, aber dann ziehen sie den Trägen und Schläfrigen die Bettdecke fort, wenn sie trotz des lieblichen Duftes der Morgenspeise nicht aufstehen wollen".

Der Bauer war bei den Worten seiner Frau sehr nachdenklich geworden. Er war bisher davon überzeugt gewesen, daß es auf dem Hagerhof in den letzten Jahren deshalb so mächtig aufwärts gegangen war, weil er in seinem Weib eine fleißige und umsichtige Bäuerin gefunden hatte. Nun glaubte er, einen Teil ihrer Verdienste dem tatkräftigen Wirken der Hausgeister zuschreiben zu müssen. Er sah es deshalb als seine Pflicht an, seine Knechte und Mägde darum zu bitten, durch ihre Handlungen die Gunst der freundlichen Geister dem Hagerhof zu erhalten. Das Gesinde war von diesem Tage an noch fleißiger und sorgfältiger bei der Arbeit und versäumte es nicht, den Kobolden von Zeit zu Zeit eine Schale Grütze, ein Stück Kuchen und ein Gläschen Bier oder Wein neben den Herd zu stellen. Der Hagerhof konnte die Grenzen seiner Wiesen und Wälder immer weiter in die Berge hinein verschieben und die Zahl seiner Pferde, Kühe und Schafe von Jahr zu Jahr vergrößern.

Der Bauer sah sich genötigt, zur Bewältigung der größer gewordenen Feldarbeit einen neuen Knecht einzustellen. Als diesem am Abend die Knechte und Mägde nach dem Nachtmahl von der Hilfe der Hausgeister erzählten, lachte er sie aus und meinte: "Das Zwergengesindel gehört in den Wald. Auf dem Hagerhof hat es nichts zu suchen." Da ertönte aus der benachbarten Scheune ein höhnisches Gelächter, so daß das Gesinde erschrocken aufblickte und dem Neuling befahl, den Kobolden freundlich und höflich gegenüber zu treten, damit sie nicht aus dienstbaren Geistern zu Quälgeistern würden. Doch der Neue achtete nicht auf ihre Warnung. In der Nacht ging er in die Scheune und holte einen Beutel voll Erbsen aus einem dort stehenden Sack. Dann streute er die trockenen, harten Kügelchen auf alle Treppenstufen, die zu den Gesindekammern und zu den Räumen des Bauernhauses führten. Als die hilfreichen Gesellen in der Nacht die Stiegen im Hagerhof erklimmen wollten, purzelten sie kopfüber, kopfunter in die Küche und in den Hof hinunter. Sie trugen manche schmerzende Beule davon und beschlossen in ihrem Grimm, den neu angekommenen Knecht zu bestrafen. Sie traten in eine lange Beratung ein, um die schrecklichste Vergeltung ihrer Beleidigung ausfindig zu machen. Schließlich einigte man sich darauf, den Knecht zu töten. Durch die Rache der Zwerge fand der ein furchtbares Ende. Als er an einem Abend dabei war, für die Schweine einen großen Kessel mit Futter zu kochen, kamen die Kobolde heimlich und leise in den Raum geschlichen, packten ihn an den Beinen, so daß er das Übergewicht bekam und rücklings in die brodelnde und sprühende Brühe des Schweinefutters hinein fiel und zu Brei zerkochte.

(1) Der Hagerhof war ein Freihof, der wahrscheinlich schon im Mittelalter als freiadeliges Rittergut bestand. Bis zur Säkularisation im Jahre 1803 war er im Besitz der Kölner Benediktinerabtei Groß-St. Martin. Nach kurzer Zeit als staatliche Domäne diente der Hagerhof verschiedenen Fabrikanten als Wirtschafts- und Herrensitz. Im alten Herrenhaus und in den später errichteten Schulgebäuden wurde 1960 ein privates Gymnasium etabliert.


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